Aus der Geschichte Friesdorfs

Friesdorfer Geschichte

An dieser Stelle sammelt der Friesdorf-Verlag Berichte, Episoden und Entdeckungen aus der Geschichte Friesdorfs — quellennah recherchiert und lebendig erzählt. Sie geben einen Vorgeschmack auf die Arbeit, aus der die Bücher des Verlags entstehen.

Berichte in dieser Reihe

Titelseite des Hefts „Kriminalität in Friesdorf 1816 — 2026“
Bericht 1

Kriminalität in Friesdorf
1816 — 2026

Mörder, Räuber, Hochstapler und Tagelöhner. Eine Reise durch die dunkelsten Stunden eines rheinischen Vorortes.

Eine erzählende Darstellung von Andreas Giersberg

Prolog: Eine Nacht im Juni 1923

Es ist die Nacht vom zehnten zum elften Juni 1923. In Friesdorf schweigt der Sommerwind. Kein Mond. In der Wagenhalle der elektrischen Bahn — dort, wo heute am Hochkreuz der Busbetriebshof Friesdorf der SWB an der Godesberger Allee steht, zwischen Max-Löbner-Straße und Hochkreuz — sitzt der Abrechnungsschaffner über seinen Belegen. Neben ihm döst der Hallenwächter. Die Tageseinnahme liegt auf dem Tisch: vierzehneinhalb Millionen Mark, ein Stapel braungrauer Inflationsscheine, deren Zahlen die Wirklichkeit längst überholt haben.

Dann fliegt die Tür auf.

Zwei Männer treten ein, Tücher über dem Gesicht. In ihren Händen blitzt Stahl. „Hände hoch.“ Der Abrechnungsschaffner erstarrt. Der Hallenwächter greift instinktiv nach seinem Pfiff, doch der erste Räuber drückt ihm den Revolver an die Schläfe. „Das Geld. Auf den Tisch.“ Es geht schnell. In wenigen Minuten sind die Scheine in einer Tasche. Die maskierten Männer verschwinden in der Friesdorfer Nacht. Was bleibt, sind zwei zitternde Männer und ein leerer Tisch.

Knapp einen Monat später schnappt die Bonner Polizei einen der beiden. Im November steht er vor dem Schwurgericht. Sein Name bleibt in der Zeitung verborgen — das Kaiserreich-Recht erlaubt nur Initialen. Aber ein Detail hat der General-Anzeiger vom 23. November 1923 doch verraten: Es handelt sich um einen am 8. Februar 1890 zu Hamminkeln im Kreis Rees geborenen Schmied.

Ein Schmied aus dem Niederrhein, eingeflogen für einen Coup, der in die Friesdorfer Geschichte eingehen sollte. Vierzehneinhalb Millionen Mark — das klingt nach einem Vermögen. Doch der Dollar steht damals bei 110.000 Mark. Die ganze Beute entspricht knapp 130 amerikanischen Dollar. Die Räuber riskierten Schwurgericht und Zuchthaus für einen guten Monatslohn. Das ist das Friesdorf der Inflation 1923 — eine Welt, in der die Zahlen ihren Sinn verloren hatten.

Und es war nicht der einzige Krimi dieser Nacht. Nicht einmal der spektakulärste. Nur vier Wochen zuvor — in der Nacht vom dreizehnten zum vierzehnten Mai 1923 — hatte ein Mann namens Schwingen aus Friesdorf in der Wirtschaft Müller in Dottendorf einen Messerstich gesetzt, der ein französisches Besatzungssoldatenleben sofort beendete. Wer war dieses Friesdorf, das in zwei aufeinanderfolgenden Monaten einen Mord und einen Raubüberfall hervorbrachte?

Vier Friesdorfer Verbrechergestalten

Friesdorf ist heute, im Frühjahr 2026, ein ruhiger Bonner Stadtteil. Mehrfamilienhäuser an der Servatiusstraße, E-Bike-Diebstähle an der Hans-Rosenberg-Straße. Niemand würde diesen Ort heute mit dem Wort „Verbrechermilieu“ in Verbindung bringen. Doch in den Akten der Bonner Tagespresse — dem General-Anzeiger, der Godesberger Volkszeitung, der Bonner Volkszeitung — findet sich ein anderes Friesdorf. Ein Friesdorf, das zwischen 1880 und 1940 fast wöchentlich in den Krimi-Spalten auftauchte. Vier Figuren stehen im Zentrum dieser Geschichte. Sie haben nichts gemeinsam — nicht den Stand, nicht die Tat, nicht das Schicksal. Aber zusammen erzählen sie die ganze Friesdorfer Kriminalgeschichte.

Der Tagelöhner Max — Friesdorfs ältester Verbrecher (1888)

Wir wissen kaum etwas über ihn. Nur das Wichtigste: Er hieß Max. Er war dreißig Jahre alt. Er war Tagelöhner. Er war einschlägig wegen Mißhandlung vorbestraft. Und er teilte sich mit einem anderen Friesdorfer Tagelöhner, dem Ackerer H., ein winziges Wohnhaus.

Was an jenem vierzehnten April 1888 zwischen den beiden Männern vorging, hat keine Quelle festgehalten. Vielleicht ging es um Geld. Vielleicht um eine Frau. Vielleicht um eine Flasche Bier. Sicher ist nur: Am Abend stand Max vor dem Haus, riß den Ackerer H. zu Boden und warf ihn in die Düngergrube hinter dem Hof. H. brach sich dabei das Bein gleich oberhalb des Knies.

Zwei Monate später saß Max vor dem Bonner Schöffengericht. Das Urteil: zwei Monate Gefängnis. Die Bonner Volkszeitung vom 12. Juni 1888 berichtete den Fall in einem schmucklosen Drei-Zeilen-Bericht zwischen Versteigerungsanzeigen und einer Notiz über entlaufene Kaninchen. Max ist der älteste namentlich dokumentierte Verbrecher Friesdorfs. Was sein Fall lehrt: Das idyllische Bauerndorf der älteren Lokalliteratur hat es nie gegeben. Hinter den weißgekalkten Friesdorfer Häuschen schlugen Tagelöhner einander mit voller Wucht in Düngergruben.

Der Conditor A. aus Wiederstein — Friesdorfs erster Hochstapler (1903)

Fünfzehn Jahre nach Max trat in der Friesdorfer Verbrecherchronik eine Figur auf, die so kafkaesk anmutet, daß man sie für einen Karneval-Streich halten könnte. Es war der zehnte Januar 1903, als die Bonner Volkszeitung den Fall des Conditors A. aus dem Siegerländer Wiederstein abdruckte. A. — sein voller Name ist bis heute unbekannt — war Konditor von Beruf. Aus seinem Heimatdorf war er bis nach Bonn gezogen, vielleicht auf Wanderschaft, vielleicht auf Stellensuche.

In Friesdorf, in der Wirtschaft Heubach, fand er einen Sechsjährigen, der harmlos vor sich hin spielte. A. trat dem Kind als Bonner Kriminalbeamter gegenüber. Er stellte sich vor, mit ernster Stimme. Er sagte, er müsse das Geld des Kindes überprüfen — Routine, sehr wichtig, im Auftrag der Behörde. Der Sechsjährige reichte ihm seine ganze Habe: zehn Pfennig. A. ließ sie in seiner Hand verschwinden. „Diensthandlung.“ Er wandte sich zum Gehen.

Doch der Wirt Heubach, der das Geschehen vom Tresen aus beobachtet hatte, witterte die Mauschelei. „Halt!“ Er packte den Conditor am Kragen. Die Polizei kam. Das Urteil: sechs Wochen Gefängnis für einen Diebstahl von zehn Pfennig. Was bleibt, ist eine eigentümlich melancholische Figur — kein professioneller Verbrecher, sondern ein verzweifelter Wanderhandwerker, der ein Kind um sein Sparbüchsen-Vermögen brachte, um vielleicht eine warme Mahlzeit zu finanzieren. Sechs Wochen Gefängnis für zehn Pfennig — das war die wilhelminische Justiz.

Der Arbeiter Schwingen — Friesdorfs Mörder (1923)

Vier Mal taucht er in den Bonner Zeitungen auf — im Sofortbericht der Godesberger Volkszeitung, im überregionalen Echo der Bergisch Gladbacher Volkszeitung, im Urteilsbericht und in einem späten Kommentar. Schwingen war Handwerker, lebte in Friesdorf und ging am Sonntagabend, dem dreizehnten Mai 1923, in die Wirtschaft Müller nach Dottendorf, um Bier zu trinken.

Dort saß auch ein französischer Soldat der Besatzungsarmee. Worüber die beiden in Streit gerieten, hat keine Zeitung berichtet — die Godesberger Volkszeitung spricht von „vorhergegangenen Zwistigkeiten“. Schwingen zog ein Messer. Ein Stich. Der französische Soldat war sofort tot.

Es war 1923. Der Ruhrkampf tobte, die französische Besatzung war in der Rheinregion seit Jahren verhasst. Ein deutscher Friesdorfer, der einen französischen Soldaten ersticht — das war kein gewöhnliches Tötungsdelikt, sondern ein politisches Symbol. Die deutsche Polizei verhaftete Schwingen noch in der gleichen Nacht und übergab ihn dann der französischen Militärjustiz. Was mit ihm geschah, wann er nach Friesdorf zurückkehrte — wenn er überhaupt zurückkehrte — bleibt eine offene Forschungsfrage. Schwingen ist der einzige Friesdorfer Mörder der untersuchten Periode.

Die Maurer-Familie Schaefer — eine Bauhandwerker-Sippe vor Gericht (1904)

Im Oktober 1904, drei Monate nach der Eingemeindung Friesdorfs nach Godesberg, brach in den Friesdorfer Wirtshäusern eine Welle gegenseitiger Beleidigungen aus. Vier Männer standen am elften Oktober 1904 vor dem Königlichen Schöffengericht in Bonn: der Maurer Anton Schaefer, der Maurer Ferdinand Küpper, der Tagelöhner Heinrich Schaefer und der Handlanger Jos. Decker — alle vier aus Friesdorf. Anton Schaefer wurde wegen Beleidigung in zwei Fällen zu zehn Mark Geldstrafe verurteilt, die anderen drei je fünf Mark.

Eine schlichte Tagesnotiz — der Fall hätte in der Friesdorfer Lokalgeschichte versinken können. Doch er versinkt nicht, weil er die anderen erst lesbar macht. Anton und Heinrich Schaefer — gleicher Nachname, gleiches Friesdorf. Vater und Sohn? Brüder? Vier Friesdorfer Bauhandwerker kurz nach der Eingemeindung, deren Wirtshausstreitigkeiten vor dem Bonner Schöffengericht enden. Das ist nicht die große Politik der Eingemeindung. Das ist die kleine Politik der Friesdorfer Wirtshäuser. Aber sie ist nicht weniger wichtig.

Vier weitere Friesdorfer Krimi-Fälle aus den 1890er Jahren

Die vier vorangehenden Verbrechergestalten waren die spektakulärsten Friesdorfer Fälle der wissenschaftlich gesicherten Hauptbelege. Vier weitere Fälle aus dem Jahrzehnt 1890 bis 1894 verdienen eine eigene Erwähnung, weil sie die wilhelminische Friesdorfer Alltagskriminalität besonders anschaulich beleuchten.

Der Sohn, der den 81-jährigen Vater auf der Schwelle schlug (Dezember 1890)

Donnerstag, 4. Dezember 1890. In einem Friesdorfer Wohnhaus misshandelt ein etwa 50-jähriger Mann seinen 81-jährigen Vater so schwer, dass dieser auf der Schwelle der Haustüre zusammenbricht. Die Empörung unter den Friesdorfer Nachbarn ist groß. Der General-Anzeiger Bonn berichtet einen Tag später ausführlich über den Vorfall — ein Fall, der das Bild der Friesdorfer Hausgewalt der wilhelminischen Zeit konkret macht.

Der Wirt, der ein Auge verlor (November 1892)

In einer Friesdorfer Wirtschaft kommt es im November 1892 zu einer Schlägerei, die für den Wirt schlimm endet. Nach langem Wortwechsel droht ein Gast, dem Wirt das Lokal zu verbieten. Es kommt zu Tätlichkeiten, ein Schlag oder Stoß trifft den Wirt ins Auge. Später verliert er das Augenlicht. Der General-Anzeiger Bonn vom 25. November 1892 berichtet über den Fall.

Der Maurermeister Anton K. und die bestechende Ehefrau (März 1894)

Der Friesdorfer Maurermeister Anton K. war wegen beleidigender Äußerungen gegen den Friesdorfer Nachtwächter S. zur Anzeige gebracht worden. In der Strafkammer-Verhandlung wird er nicht nur dafür verurteilt — er hatte zugleich einen goldenen Ring gestohlen. Sechs Monate Gefängnis. Bemerkenswert die Nebenhandlung: Seine Ehefrau hatte versucht, den Nachtwächter zu bestechen, damit dieser die ursprüngliche Anzeige zurückziehe. Das führte zu einer weiteren Anzeige. Der Fall ist polizeihistorisch interessant, weil er einen Friesdorfer Nachtwächter dokumentiert, der seine Aufgabe trotz Bestechungsversuchs erfüllte.

Der Maurergeselle G. — Zechprellerei und Prügelszene (April/Mai 1891)

Am 14. April 1891 sitzt der Friesdorfer Maurergeselle G. mit Gästen in einer Friesdorfer Wirtschaft. In der Nähe der nächsten Wirtschaft verabschiedet er sich mit einem neuen Glas Bier, ohne zu zahlen. Es kommt zu einem Wortwechsel auf der Straße, der bald in Tätlichkeiten ausartet. Der General-Anzeiger Bonn vom 21. Mai 1891 berichtet die Strafkammer-Verhandlung: drei Monate Gefängnis. Der Fall ist typisch für das späte 19. Jahrhundert, in dem Zechprellereien einen merklichen Anteil der Friesdorfer Bagatell-Delikte ausmachten.

Wo Friesdorf zur Verbrecherspur wird — drei Straßen seit hundert Jahren

Wer im Frühjahr 2026 durch Friesdorf geht, kann die Tatorte der vorgehenden Kapitel nicht mehr erkennen. Die Wirtschaft Heubach existiert nicht mehr. Die Wagenhalle am Hochkreuz steht noch — heute als SWB-Busbetriebshof. Und doch hat sich an drei Friesdorfer Straßen seit über hundert Jahren erstaunlich wenig geändert: Sie sind immer noch Kriminalitäts-Hotspots.

Die drei Tatort-Straßen — tippen Sie auf einen Punkt

Wählen Sie einen der drei leuchtenden Punkte, um den Fall dieser Straße zu öffnen.

Die Annaberger Straße — vom Einbruchsnest zum Fahrrad-Mekka

Im Herbst 1913 schrieb die Godesberger Volkszeitung einen scharfen Leitartikel über die Einbrüche an der Annaberger Straße. Der Nachtwächter wurde namentlich kritisiert: seine Bezahlung sei unzureichend, sein Schutz für die Anwohner nicht garantiert. Drei Einbrüche in einer Nacht hatten den Geschäftsleuten der Annaberger Höhe den Schlaf geraubt.

Im März 2024 — hundertelf Jahre später — meldet die Polizei Bonn einen Einbruch in ein Fahrradgeschäft an der Annaberger Straße. Zehn Fahrräder werden entwendet. Im Februar 2026 wird derselbe Laden erneut zum Ziel eines versuchten Einbruchs. Die Annaberger Straße bleibt eine Reizadresse für Einbrecher — ganz gleich, ob es um Manufakturwaren der wilhelminischen Zeit oder um Pedelecs der Berliner Republik geht.

Die Friesdorfer Straße — vom Industriekorridor zum Verkehrs-Hotspot

Drei aufeinanderfolgende Inflationsjahre 1920, 1921, 1922 — und drei Industriediebstähle an der Friesdorfer Straße. Erst die Goebel-Belohnungsanzeige im Mai 1920, dann der Schienenkupferdiebstahl im Dezember 1921, im Sommer 1922 schließlich der spektakuläre Treibriemen-Diebstahl: acht schwere Lederlaufriemen aus einem Industrieunternehmen, in einer einzigen Nacht.

Heute fährt auf der Friesdorfer Straße die Linie 16, die Industrieunternehmen sind verschwunden. Doch die Straße bleibt ein Krimi-Korridor: Im April 2024 brennt eine Garage, im Januar 2024 fährt ein Mann in Schlangenlinien — Trunkenheit am Steuer. Wer die Treibriemen-Diebe von 1922 mit den Trunkenheits-Fahrern von 2024 vergleicht, sieht: Die Bühne ist dieselbe. Nur das Stück hat sich geändert.

Die Servatiusstraße — vom Kirchen-Einbruch zum Wohnungs-Hotspot

Im Juni 1926 versuchten zwei Männer, in die Sakristei der Herz-Jesu-Kirche an der Servatiusstraße einzubrechen. Die Bonner Wach- und Schließgesellschaft vereitelte den Versuch; ein dankbarer Friesdorfer Pfarrer schrieb anschließend einen Dankesbrief, der in der Godesberger Volkszeitung abgedruckt wurde.

Hundert Jahre später, im April 2023, vereitelt eine Bewohnerin in einem Mehrfamilienhaus an der Servatiusstraße einen Einbruchsversuch. Im Dezember 2025 wiederholt sich das Drehbuch fast wörtlich auf der Bernkasteler Straße. Dreimal hundert Jahre Friesdorfer Geschichte — und dreimal dieselben drei Straßen. Eine kriminalgeographische Konstanz, die niemand für möglich gehalten hätte.

Verschwundene Verbrechen, neue Verbrechen

Doch nicht alles bleibt gleich. Wer die Krimi-Akten von 1888 mit den Polizei-Pressemeldungen von 2026 vergleicht, sieht: Manche Friesdorfer Verbrechensformen sind verschwunden, manche neu entstanden.

Verschwunden ist die Tagelöhner-Schlägerei im Wohnhaus — der Düngergruben-Wurf von 1888 hat heute keine Entsprechung mehr. Verschwunden ist die Wilderei, denn der Friesdorfer Wald wird nicht mehr von gewerbsmäßigen Wilderern besucht. Verschwunden ist die Sittlichkeits-Bandentat — eine Tat wie der Überfall der fünf Burschen auf ein Friesdorfer Ehepaar von 1887 ist im Korpus der Polizei Bonn 2020 bis 2026 nicht dokumentiert.

Neu hinzugekommen ist die digitale Hehlerei. Im Januar 2025 nahm die Bonner Polizei zwei Männer fest, denen Diebstähle aus Postverteilerkästen in Friesdorf und Rüngsdorf vorgeworfen wurden — sie hatten Bankdaten aus gestohlenen Briefen abgegriffen. Das Prinzip, Hehlerei nach Diebstahl, ist alt. Die Form, digitale Bankdaten statt Treibriemen, ist neu. Auch der E-Bike-Diebstahl hat den klassischen Fahrradmarder der 1920er Jahre ersetzt: Im Februar 2026 wurden in einer einzigen Nacht mehrere hochwertige Pedelecs gestohlen. Die Technik wandelt sich; die kriminelle Adaptionsfähigkeit bleibt.

Friesdorf ist ein guter Ort. Auch wenn das nicht immer so schien.

Wer heute durch Friesdorf geht, sieht keinen Krimi-Hotspot. Er sieht eine ruhige Wohngegend, gut sortierte Bäckereien, die Linie 16 mit ihren orangenen Bahnwagen, Kinder auf dem Schulweg. Die Wagenhalle der elektrischen Bahn ist längst Wohnbebauung, die Wirtschaft Müller in Dottendorf seit Jahrzehnten geschlossen.

Und doch — in den Polizeimeldungen 2020 bis 2026 taucht Friesdorf regelmäßig auf: vierundzwanzig Wohnungseinbrüche und -versuche in sieben Jahren, zwölf größere Diebstähle, acht Verkehrsdelikte, fünf Brände, vier Schlägereien, drei größere Betrugsfälle. Das ist nicht wenig. Es ist auch nicht viel — verglichen mit der Bonner Innenstadt. Aber es ist deutlich genug, um zu sagen: Friesdorf ist eine ganz normale deutsche Wohngemeinde. Mit ihren Stärken. Mit ihren Schwächen. Und mit einer überraschend langen Krimi-Geschichte, die heute weitgehend vergessen ist.

Drei Friesdorfer Straßen seit hundert Jahren Kriminalitäts-Hotspots. Ein Schmied aus Hamminkeln, der vierzehneinhalb Millionen Mark erbeutete. Ein Arbeiter Schwingen, dessen Messerstich einen französischen Soldaten tötete. Ein Conditor aus Wiederstein, der einem Kind zehn Pfennig stahl. Ein Tagelöhner namens Max, der seinen Mitbewohner in eine Düngergrube warf. Das sind keine Geschichten, die in Friesdorf jemand erzählt. Aber es sind Friesdorfer Geschichten. Sie gehören zu diesem Ort wie die Bahnlinie 16 und das Hochkreuz und der Klufterhof. Wer Friesdorf kennen will, muß auch sie kennen.

Wer machte Jagd auf Friesdorfs Verbrecher? Acht Polizeien in zweihundert Jahren

Wenn man heute durch Friesdorf geht und die blauen Polizeiuniformen des Bezirksdienstes Bad Godesberg sieht, ist man geneigt zu glauben, die deutsche Polizei sei eine zeitlose Institution. Tatsächlich aber haben die Friesdorfer in den vergangenen zweihundert Jahren acht verschiedene Polizeiorganisationen erlebt — und jede sah anders aus, jede arbeitete anders, jede hatte ihre eigene Beziehung zu Friesdorfs Verbrechen.

Der berittene preußische Gendarm — 1816 bis 1849

Stellen wir uns die Friesdorfer Hauptstraße an einem Sommermorgen 1830 vor. Bauern führen ihre Ochsen zur Wiese, eine Frau holt Wasser am Brunnen, ein Schmied schlägt Eisen. Und dann hört man Hufgetrappel: Aus der Richtung von Godesberg kommt ein berittener Mann — blaue Uniform mit roten Aufschlägen, Zweispitz auf dem Kopf, Säbel an der Seite. Es ist der preußische Gendarm der Bürgermeisterei Godesberg auf seiner wöchentlichen Patrouille.

1815, mit dem Wiener Kongreß, hatte Preußen das Rheinland übernommen. In Friesdorf selbst gab es keine eigene Polizeistation — die nächste lag in Godesberg, größere Vorgänge wurden bis Bonn gemeldet. Verhandelt wurden Holzdiebstahl im Kottenforst, Wilderei, Wirtshausschlägereien. Eine Tagespresse, die solche Fälle aufzeichnete, gab es kaum. Das Bonner Wochenblatt erschien zwar ab 1819, druckte aber nur ausgewählte Schwerverbrechen oder Anzeigen ab — wie jene Versteigerungs-Anzeige im Hause des Friesdorfers Johann Vershoven vom 13. Juni 1819, dem ältesten Friesdorf-Eintrag in der gedruckten Bonner Öffentlichkeit.

Der Dorf-Schutzmann mit Pickelhaube — 1849 bis 1904

Die preußische Verfassung von 1849 reformierte die Polizei grundlegend. Die berittene Gendarmerie blieb erhalten, wurde aber durch eine „Schutzmannschaft“ in den größeren Städten ergänzt — zu Fuß patrouillierend, in dunkelblauer Uniform mit der charakteristischen Pickelhaube. Für Friesdorf war diese Phase die erste, in der wir Verbrecher und Polizei in den Quellen klar identifizieren können: Die Bonner Volkszeitung berichtete ab 1881, der General-Anzeiger ab 1889.

Bemerkenswert ist die volle Namensnennung der Friesdorfer Täter in dieser Phase. Anders als später in der Weimarer Republik wurde Max nicht als „M. aus F.“ anonymisiert, sondern als „Max, 30 Jahre alt, Tagelöhner aus Friesdorf, vorbestraft wegen Mißhandlung“ identifiziert. Diese Offenheit zeigt: Die Friesdorfer Tagelöhnerschaft hatte keine bürgerliche Lobby, die ihre Anonymität geschützt hätte.

Der Bezirksdienst der Eingemeindung — 1904 bis 1918

Am 1. Juli 1904 wurde Friesdorf nach Godesberg eingemeindet. Aus polizeilicher Sicht bedeutete dies: Ein Bezirksdienst Godesberg übernahm die Friesdorfer Streifen. Aber ein Bezirksdienst-Polizist ersetzte nicht das, was Friesdorfer Dorf-Selbstverständnis bis dahin geleistet hatte.

Im Ruhestörungs-Fall vom 11. Juli 1907 entlud sich die institutionelle Hierarchie in einer kuriosen Strafzumessungs-Mechanik: Der Angeklagte gab an, die Ruhestörung sei nicht in Bad Godesberg, sondern in Friesdorf vorgefallen — daraufhin reduzierte das Gericht die Strafe von 5 auf 3 und schließlich auf 1 Mark. Ruhestörung in Friesdorf hatte fünfmal weniger juristisches Gewicht als im „Badeort“ Godesberg. Die Friesdorfer Bürger waren in der frühen Eingemeindungsphase Bürger zweiter Klasse.

Die Weimarer Schutzpolizei und die französischen Besatzer — 1918 bis 1933

Mit dem Kriegsende 1918 und der Besetzung des Rheinlands wandelte sich die Friesdorfer Polizeiwelt grundlegend. Die deutsche Schutzpolizei trug nun den charakteristischen Tschako anstelle der Pickelhaube. Parallel patrouillierten französische Soldaten in den Friesdorfer Straßen — bis zum Abzug Ende Januar 1926.

Die Friesdorfer Krimi-Geschichte der Weimarer Jahre ist die dichteste des gesamten Korpus. Allein zwischen 1920 und 1926 sind sechs Hauptbelege dokumentiert: der Goebel-Fabrikdiebstahl 1920, der Schienenkupferdiebstahl 1921, der Treibriemen-Industriediebstahl 1922, der Wagenhallen-Raubüberfall 1923, der Schwingen-Mord 1923, der Einbruchsversuch in die Herz-Jesu-Kirche 1926. Inflation, soziale Not, Besatzungsdruck — das ergab eine explosive Mischung.

Die NS-Ordnungspolizei — 1933 bis 1945

Mit der nationalsozialistischen Machtübernahme wurde die deutsche Polizei gleichgeschaltet und reorganisiert. Aus der NS-Phase sind nur drei Hauptbelege im Tagespresse-Korpus dokumentiert: ein Forstfrevel mit Tannenbaum-Diebstahl 1935, ein Taubendiebstahl 1936 und der Selbstmord eines unidentifizierten Toten im Wald 1943.

Was im Tagespresse-Korpus fehlt, ist die eigentliche NS-Polizeigeschichte Friesdorfs: die politische Verfolgung, die Verfolgung der Friesdorfer jüdischen Familien, die Drangsalierung Andersdenkender. All dies ist nicht in den gleichgeschalteten Tageszeitungen abgebildet — eine offene Quellenfrage, die diese Studie nicht leisten konnte.

Die britischen Besatzer und der Wiederaufbau — 1945 bis 1949

Die siebte Friesdorfer Polizei-Phase ist im Korpus eine vollständige Lücke. Nach Kriegsende übernahm die britische Militärregierung die Polizeihoheit; die deutsche Polizei wurde entnazifiziert und sukzessive wiederaufgebaut. Aus dieser Vier-Jahre-Phase sind keine Friesdorfer Krimi-Belege bekannt — vermutlich nicht, weil keine Verbrechen passierten, sondern weil die Berichterstattung in den Nachkriegsjahren rudimentär war.

Die Bonner Polizei der Bonner und Berliner Republik — 1949 bis heute

Mit der Gründung der Bundesrepublik 1949 entstand das heutige Polizeipräsidium Bonn. Der Bezirksdienst Bad Godesberg blieb als regionale Einheit erhalten. Die Berichterstattung der Polizei Bonn ist heute auf dem Presseportal der Polizei NRW vollständig dokumentiert: 62 Pressemeldungen mit Friesdorf-Bezug für den Zeitraum Januar 2020 bis Februar 2026 zeigen eine Polizei, die schnell informiert, transparent kommuniziert und die Bürger aktiv um Mithilfe bittet.

Das ist eine grundlegend andere Polizei als die preußische Gendarmerie von 1830 oder die Weimarer Schutzpolizei von 1923, die einen Friesdorfer Mörder an die französische Besatzungsjustiz übergeben musste. Die heutige Polizei Bonn ist eine Bürgerpolizei — und auch in dieser Hinsicht hat Friesdorf in zweihundert Jahren eine erstaunliche Reise hinter sich.

Wer waren die Männer in Uniform? Dienstgrade und ihre Funktion

Wer einen Friesdorfer Krimi-Bericht aus dem späten 19. oder frühen 20. Jahrhundert liest, stößt auf eine fremde Polizei-Welt mit eigener Berufshierarchie. Vor der Reichsgründung war Polizei in Friesdorf nicht das, was man heute darunter versteht: Ein einziger preußischer Fußgendarm versorgte gemeinsam mit zwei kommunalbeschäftigten Polizeidienern, einigen Feldhütern für Flur und Wald und drei bis vier nächtlichen Nachtwächtern — meist nur mit Stock, Laterne und Horn bewaffnet — die Sicherheitslage.

Mit der Reichsgründung 1871 wurde die Polizeiorganisation strukturiert. Der Polizeisergeant (später Polizeiwachtmeister) war der einfache Schutzmann des Streifendienstes. Der Polizei-Wachtmeister leitete eine Streifengruppe. Der Polizeisekretär war bürokratischer Leiter, verantwortlich für Schriftgut und Statistik. Der Polizei-Kommissar leitete den gesamten Außendienst einer Bürgermeisterei, der Polizei-Inspektor stand noch eine Stufe darüber. Mit der Weimarer Republik kam der juristisch ausgebildete Polizeiverwaltungs-Dezernent hinzu, und spezialisierte Kripo-Beamte — Kriminalwachtmeister, Kriminalassistent, Kriminalsekretär — ermittelten in den schweren Fällen.

Drei Polizei-Episoden, die Friesdorf prägten

Der unterbezahlte Nachtwächter (1913)

Im Herbst 1913 erschien in der Godesberger Volkszeitung ein Artikel über die Annaberger Einbruchsserie, der weit über den üblichen Krimi-Bericht hinausging. Die Zeitung nannte den zuständigen Nachtwächter namentlich und kritisierte explizit seine unzureichende Bezahlung. Drei Einbrüche in einer Nacht, und der Nachtwächter mit karger Entlohnung als Sinnbild für eine versagende Sicherheitspolitik. Der Artikel war nicht nur ein Krimi-Bericht, sondern ein kommunalpolitischer Skandal-Beitrag.

Die Wach- und Schließgesellschaft als Privatpolizei (1926)

An einem Junitag 1926 versuchten zwei Männer, sich Zugang zur Herz-Jesu-Kirche zu verschaffen — vermutlich auf der Suche nach Spendenkassen oder Kirchensilber. Sie kamen nicht weit: Ein Mitarbeiter der Bonner Wach- und Schließgesellschaft entdeckte sie und vertrieb die Einbrecher. Diese seit den 1890er Jahren aktive Firma war eine wachsende Branche der Weimarer Republik: Wer es sich leisten konnte, kaufte zusätzliche Sicherheit, weil die staatliche Polizei in der wirtschaftlichen Not der 1920er Jahre an ihre Grenzen kam.

Die deutsch-französische Übergabe (Schwingen 1923)

Die dritte Episode ist die politisch brisanteste. Als der Friesdorfer Arbeiter Schwingen 1923 einen französischen Besatzungssoldaten erstach, war die deutsche Polizei schnell zur Stelle. Schwingen wurde verhaftet. Aber dann übergab die deutsche Polizei den Friesdorfer Mörder an die französische Besatzungs-Militärjustiz. Eine nationale Polizei nimmt einen ihrer eigenen Staatsbürger fest und übergibt ihn freiwillig einer fremden Justiz — ein Vorgang, hinter dem sich die ganze besetzungsrechtliche Konstellation der Ruhrkampfphase verbirgt.

Die Strafmaß-Tabelle — was kostete welches Verbrechen?

Eine erstaunliche Vergleichstabelle ergibt sich, wenn man die Strafen der dokumentierten Friesdorfer Krimi-Fälle nebeneinander stellt:

TatJahrStrafe
Beleidigung in zwei Fällen (Anton Schaefer)190410 Mark Geldstrafe
Beleidigung in einem Fall (drei weitere Friesdorfer)1904je 5 Mark Geldstrafe
Ruhestörung in Friesdorf statt Godesberg19071 Mark Geldstrafe
Wilddieberei im Friesdorfer Forst189114 Tage Gefängnis
Conditor-Hochstapelei (10 Pfennig Kindesdiebstahl)19036 Wochen Gefängnis
Hehlerei (Kellner-Bande Köln und Beuel)1913je 6 Wochen Gefängnis
Düngergruben-Mißhandlung mit Beinbruch18882 Monate Gefängnis
Kellner-Einbruchsserie aus Friesdorf19133 Jahre Gefängnis + 5 Jahre Ehrverlust
Schwingen-Mord1923französische Militärjustiz, Strafe unbekannt
Wagenhallen-Raubüberfall1923Schwurgerichts-Urteil nicht überliefert

Erstaunlich an dieser Tabelle ist die Ungleichgewichtung. Eine schwere Körperverletzung mit Beinbruch kostete zwei Monate Gefängnis — vergleichbar einer Hochstapelei um zehn Pfennig. Eine Beleidigung kostete 5 Mark, eine Ruhestörung in Friesdorf nur 1 Mark. Die Friesdorfer Verbrecher hatten es mit einem Justizsystem zu tun, das Eigentums- und Ehrdelikte tendenziell härter sanktionierte als Körperverletzungen im Tagelöhner-Milieu — die Rechtskultur des späten Kaiserreichs und der Weimarer Republik. Friesdorf erlebte sie nur eben in dichter Form.

Die Friesdorfer Polizei in Zahlen

Die systematische Auswertung von elf Adressbuch-Jahrgängen 1890 bis 1936/37 hat insgesamt 47 namentlich identifizierte Polizei- und Verwaltungsbeamte der Friesdorf-zuständigen Bürgermeisterei beziehungsweise Stadt Godesberg dokumentiert. Die wichtigsten Namen:

  • Hubert Nagel — Polizei-Wachtmeister 1907, Polizei-Kommissar 1911, Polizei-Inspektor 1924/25. Die längste dokumentierte Karriere mit über siebzehn Jahren im Friesdorf-Dienst.
  • Brack — vom Polizei-Wachtmeister (1911) zum Oberwachtmeister nach 1920 befördert, Streifendienst-Chef in der Annaberger Einbruchsserien-Phase 1913.
  • Otto Harbauer — Polizeimajor in der NS-Zeit, wohnhaft Hochkreuzallee 175.
  • Christian und Leonhard Weinreis — zwei verwandte Polizeiwachtmeister, ab 1921/22 im Dienst.
  • Wilhelm Sieger(s) — der dienstälteste namentlich nachweisbare Beamte mit 29 Dienstjahren, von 1907 bis 1936/37 im Friesdorf-Dienst.

Die erste eigene Friesdorfer Polizeistation lag in der Annabergerstraße 250 und ist erstmals 1936/37 in den Adressbüchern dokumentiert.

Dieser Bericht beruht auf der systematischen Auswertung der digitalisierten Bonner Tagespresse (zeit.punkt NRW) sowie auf Adressbüchern und Verwaltungsberichten. Die vollständige Studie mit allen Quellennachweisen und einem ausführlichen Personenanhang erscheint im Friesdorf-Verlag.

Titelbild des Hefts „Der Bombenkrieg über Friesdorf 1941–1945“
Bericht 2

Der Bombenkrieg über Friesdorf
1941 — 1945

Eine einzige Bombe, 26 Tote, eine zerstörte Kirche — und ein Luftbild, das achtzig Jahre später zu sprechen beginnt.

Eine faktenbasierte Darstellung von Andreas Giersberg

Vier Jahre unter den Bomberrouten

Friesdorf war kein militärisches Ziel. Kein Rüstungswerk, kein Bahnknoten, keine Kaserne. Und doch starben in diesem Dorf zwischen 1941 und 1945 Menschen im Bombenkrieg, verlor es seine Pfarrkirche, sein Vereinshaus und einen Teil seiner ältesten Bausubstanz. Der Grund liegt in der Geographie: Friesdorf lag unter einer der Anflugrouten, auf denen britische Bomberverbände von England über das Rheintal nach Osten flogen. Wer unter einer Straße des Luftkriegs wohnt, bekommt dessen Irrtümer und Restlasten zu spüren.

Dieser Bericht schildert den Bombenkrieg über Friesdorf so, wie er sich aus den Quellen belegen lässt: aus der Schulchronik der Friesdorfer Volksschule, der Pfarrchronik von St. Servatius, dem Brandbuch der Feuerwehr Bad Godesberg, den Einsatzberichten der Royal Air Force in den britischen National Archives, den Nachrufen im General-Anzeiger und den Erinnerungen von Zeitzeugen. Wo Quellen sich widersprechen, wird der Widerspruch benannt statt geglättet.

Und er fügt eine Quelle hinzu, die es 1943 noch gar nicht gab — jedenfalls nicht für die Friesdorfer: drei alliierte Aufklärungsluftbilder vom 13. Februar 1945. Sie wurden 2026 rechnergestützt ausgewertet. Was dabei herauskam, steht weiter unten: die Trümmerfläche der Kirche, auf den Quadratmeter genau gemessen, und hunderte Verdachtspunkte für Bombentrichter.

Die ersten Bomben 1941 und 1942

Bonn und Bad Godesberg blieben lange verschont. Bis in den Herbst 1944 stand die Region nicht als Hauptziel in den Planungen der alliierten Luftwaffen; die Landesgeschichtsschreibung zählt Bad Godesberg ausdrücklich zu den vergleichsweise glimpflich davongekommenen Bereichen. Für Friesdorf hieß das: keine planmäßigen Angriffe — aber die Ausnahmen der Route.

Die Schulchronik notiert für 1941 zunächst die Kinderlandverschickung: Im Februar konnten Kinder freiwillig nach Schlesien und Danzig geschickt werden, „um allen Gefahren durch Fliegerangriffe im Westen zu entgehen“. Im August kehrten alle zurück. Und dann, im selben Eintrag, fast beiläufig: „Im Herbst fallen die ersten Bomben, ohne großen Schaden zu hinterlassen.“ Dass die zurückgekehrten Kinder wenige Wochen später die ersten Bomben ihres Heimatortes erlebten, ist eine der bitteren Pointen dieser Chronik.

In der Nacht zum 6. April 1942 wurde es ernst. Die Schulchronik: „3 Sprengbomben, darunter eine Luftmine. 20 Schaufenster gehen zu Bruch, viele Dächer werden abgedeckt, mehrere Häuser an der Arndtruhe stark beschädigt, keine Menschenverluste, 80 Personen obdachlos.“ Menschen starben nicht — aber 80 Obdachlose in einem Dorf von rund 4.000 Einwohnern sind zwei Prozent der Bevölkerung, in einer einzigen Nacht. Bemerkenswert ist das Wort „Luftmine“: Schon 1942 kannte man in Friesdorf jene Druckwellenwaffe, die ein Jahr später die Klufterstraße auslöschen sollte.

Die Nacht vom 16. auf den 17. April 1943

Es ist die schwerste Stunde in der neueren Geschichte Friesdorfs: Eine einzige Bombe tötet 26 Menschen, darunter vier Kinder der Friesdorfer Volksschule. Allein die Familie Fandel verliert sieben Angehörige. Sechzehn Häuser sind zerstört. Und der Grund, warum diese Bombe fiel, hat mit Friesdorf nicht das Geringste zu tun.

Der Ausgangspunkt: 600 Kilometer entfernt

In jener Nacht flog die Royal Air Force die Operation „Frothblower“ gegen die Škoda-Werke im besetzten Pilsen — eines der wichtigsten Rüstungswerke des Deutschen Reiches. Eingesetzt waren 327 Flugzeuge, 197 Lancaster und 130 Halifax. Der Angriff misslang gründlich: Der Angriff fand bei Vollmond statt; die Hauptmacht sollte das Werk selbst erkennen, die Markierungen der „Pathfinder“ dienten nur als grobe Orientierung. Dabei wurde ein großes Anstaltsgebäude rund elf Kilometer entfernt für das Werk gehalten: Statt der Škoda-Werke wurde die psychiatrische Anstalt in Dobřany bombardiert.

Die Maschine: Lancaster W4783 „G-George“

Eine dieser Maschinen war die Lancaster W4783, Kennung „G-George“, der 460. Squadron. Ihr Einsatzbericht vom 16. April 1943 verzeichnet die Bombenlast: eine 4.000-Pfund-Bombe — im Volksmund „Luftmine“, 1,8 Tonnen schwer, vom Typ HC Mark I — sowie drei 1.000-Pfund-Bomben.

Die 4.000-Pfund-Mine war eine reine Druckwellenwaffe. Im Umkreis von bis zu 100 Metern zerstörte ihre Detonation Gebäude gewöhnlicher Bauart; Fensterscheiben zersprangen noch in zwei Kilometern Entfernung. Im Geschwaderangriff diente sie einem kalkulierten Zweck: Sie riss Dächer und Fenster auf, damit die nachfolgend geworfenen Brandbomben in den geöffneten Gebäuden besser zündeten. Dr. Martin Ammermüller erläuterte diese Logik 2018 in der Gedenkstunde — und zog daraus den entscheidenden Schluss: Dass über Friesdorf ein einzelnes Flugzeug seine Mine abwarf und keine Brandbomben folgten, spricht dafür, dass Friesdorf nicht das Ziel war. Nach dem Einsatzbericht griff die Besatzung auf dem Rückflug ein Ausweichziel an, das sie für Koblenz hielt („attacked believed KOBLENZ“).

Der Irrtum: „vermutlich über Koblenz“

Über einem Ort, den die Besatzung für Pilsen hielt, waren keine Markierungen erschienen; die W4783 trat den Rückflug mit voller Bombenlast an. Der Logbucheintrag vermerkt den Abwurf „vermutlich über Koblenz“. Tatsächlich stand die Maschine zu diesem Zeitpunkt bereits über dem Rheintal auf Höhe von Bonn-Friesdorf. Bei über 300 Stundenkilometern sind die rund 60 Kilometer zwischen Koblenz und Bonn eine Sache weniger Minuten — und eine präzise Positionsbestimmung war bei Nacht und mit den damaligen Navigationsmitteln schwierig; auf sehr niedriger Höhe geriet die Maschine immer wieder in Nebel. Ein Besatzungsmitglied berichtete später, eine Neuberechnung habe gezeigt, dass seine Positionsangabe korrekt war: Zur geschätzten Ankunftszeit habe man sich 28 Meilen nordwestlich des Ziels befunden.

Die Nacht in Friesdorf

In Friesdorf hörte man das Flugzeug kommen. Der Zeitzeuge Josef Schwalb berichtete, die Maschine sei laut und allein angeflogen und habe ihre Bombe über der Klufterstraße abgeworfen; er sah von seinem Zimmer aus eine riesige Explosion mit einem großen Feuerball. Entscheidend ist sein zweiter Befund: Es hatte keinen Luftalarm gegeben. Die Menschen in der Klufterstraße wurden im Schlaf getroffen und hatten keine Chance. Das erklärt die hohe Zahl der Opfer.

Die Schulchronik hält das Ergebnis in einem einzigen Satz fest: „26 Tote in der Klufterstraße, darunter 4 Schüler unserer Schule.“ Die Zahl 26 ist mehrfach unabhängig bestätigt — sie findet sich bei Schwalb, im Bericht der Friesdorfer Feuerwehr, in den Kirchenbüchern und in den britischen AIR-27-Akten. Sechzehn Häuser wurden zerstört. Der ehemalige politische Häftling Matthias Kraus, der Klufterstraße 23 wohnte, half in derselben Nacht bei der Bergung der Verwundeten in seiner eigenen Straße.

Besonders schwer getroffen wurden die Familien Wiesel und Fandel. Bei den Fandels starben sieben Angehörige aus drei Haushalten, bei den Wiesels drei aus einem. Auch die Familien Krieger (vier Opfer) und Poppelreuter (drei Opfer) verloren ganze Haushalte. Die Zeitzeugin Anneliese Ulke war am Abend zuvor noch bei den Wiesels zu Besuch gewesen; sie selbst überlebte mit ihrer Familie im Bunker: „Wir waren noch nicht ganz im Bunker, da erschütterte sich die Erde.“

Die Tage danach: Feuerwehr, Trauerfeier, Propaganda

Vom 16. bis zum 20. April 1943 war die Feuerwehr Bad Godesberg mit 77 Helfern in Friesdorf im Einsatz. Ihr Brandbuch verzeichnet für diesen Zeitraum keinen weiteren Bombenabwurf und kein weiteres Schadensfeuer im Stadtgebiet — ein sauberer Beleg dafür, dass die Klufterstraße ein isoliertes Einzelereignis war.

Am 21. April 1943, vier Tage nach der Bombe, wurden die Opfer auf dem Friesdorfer Friedhof beigesetzt. Die NS-Führung machte aus der Trauer eine Staatsveranstaltung. Die offiziellen Aufnahmen, heute im Stadtarchiv Bonn, zeigen die Särge mit Hakenkreuzfahnen bedeckt und im Hintergrund Funktionäre in Uniform; die katholische Geistlichkeit — für dieses Dorf der eigentliche Halt in jenen Tagen — ist an den Rand gedrängt und kaum zu sehen. Die Toten der Klufterstraße wurden gegen ihren Willen zum Mittel der Mobilmachung gemacht. Es ist eine der zynischsten Wendungen dieser Geschichte: dasselbe Regime, das den Krieg begonnen hatte, inszenierte sich als Anwalt seiner zivilen Opfer.

Die Lancaster W4783 „G-George“ überstand den Krieg. Sie steht heute als Exponat im Australian War Memorial in Canberra — eine stumme Zeugin jener Nacht, in der 26 Friesdorfer starben.

Ein notwendiger Satz zur Einordnung: Die Zuordnung des Friesdorfer Abwurfs zur W4783 ist das Ergebnis einer Quellenzusammenführung — RAF-Einsatzberichte, Logbuch, Zeugenaussagen, Feuerwehr-Brandbuch — und damit eine gut begründete These, kein aktenkundiger Beweis. Was gesichert ist: Es war ein einzelnes Flugzeug, es gab keinen Alarm, es folgten keine Brandbomben. Für die 26 Toten macht das das Grauen nicht kleiner. Historisch aber macht es das Ereignis einordenbar: Friesdorf war kein Ziel, sondern ein Opfer der Kriegslogistik.

Die 26 Opfer der Klufterstraße

Die Namen nach der Nachrufveröffentlichung im General-Anzeiger Bonn vom 20. April 1943, Seite 5:

  • Frau Wwe. Friedr. W. Albach, Margarete geb. Berchem
  • Johann Peter Fandel
  • Frau Johann Peter Fandel, Elisabeth geb. Wahlen
  • Josef Fandel
  • Frau Josef Fandel, Anna geb. Stoßdorf
  • Hans Josef Fandel
  • Helmut Fandel
  • Frau Anton Fandel, Margarete geb. Hoeschel
  • Frau Erika Kraft
  • Anton Krieger
  • Lieselotte Krieger
  • Antonie Krieger
  • Gutta Krieger
  • Gertrud Kurth
  • Friedrich Langen
  • Frau Peter Nothbaum, Maria geb. Rieck
  • Frau Ant. Poppelreuter, Christine geb. Wipperfürth
  • Adele Poppelreuter
  • Josef Poppelreuter
  • Christian Reuter
  • Frau Christian Reuter, Katharina geb. Schmitzer
  • Gerd Riegel
  • Hubert Wiesel
  • Frau Hubert Wiesel, Gertrud geb. Nothbaum
  • Anna Maria Wiesel
  • Adelheid Wipperfürth

Leben unter dem Bombenkrieg

Die Bombe der Klufterstraße veränderte das Dorf. Direkt im Anschluss an den Eintrag über die 26 Toten notiert der Chronist: „Evakuierte aus bombardierten Städten kommen. Die Friesdorfer verstärken ihre Keller, treiben Stollen in den Berg, bauen sich Erdbunker im Garten, an der Arndtruhe wird ein ehemaliger Bierkeller als Luftschutzstollen hergerichtet.“ Das Dorf reagierte mit dem, was es hatte: dem Berg und den alten Brauereikellern.

Die öffentliche Luftschutzinfrastruktur folgte 1943: „Auf dem Schulhof wird ein 3 m tiefer Splittergraben mit Betondecke gebaut, ebenso auf dem Schlageterplatz (Wasem), ein ehemaliger Bierkeller im Oberdorf wird ebenfalls als Schutzraum hergerichtet.“ 1944 kam hinzu: „Die Splittergräben auf dem Schlageterplatz sind fertig (hergestellt durch holländische Fremdarbeiter).“ Der Satz ist beiläufig und schwerwiegend zugleich — der Friesdorfer Luftschutz wurde zum Teil von Zwangsarbeitern gebaut.

Der Unterricht zerfiel. „Wegen der sich mehrenden Luftangriffe am Tage müssen die Schulkinder oft stundenlang den Luftschutzkeller aufsuchen.“ Der Eintrag endet mit zwei Worten und dem einzigen Ausrufezeichen, das die überlieferten Auszüge der Friesdorfer Schulchronik kennen: „Totaler Krieg!“ Derselbe Chronist hatte 1933 noch Hindenburgs „markige Stimme“ mit Ehrfurcht notiert. Ende 1943 hatte er begriffen, was der Krieg bedeutete.

Im Herbst 1944 endete der Schulbetrieb ganz: „Im Herbst nach den Sommerferien wird der Unterricht nicht wieder aufgenommen. Die Luftangriffe bei Tag und Nacht lassen einen geordneten Unterricht nicht mehr zu.“ Mit diesem Satz bricht die Schulchronik der NS-Zeit ab.

Der Untergang von St. Servatius, Dezember 1944

Im letzten Kriegsjahr verlor Friesdorf sein Wahrzeichen. Die Pfarrkirche St. Servatius — eine neugotische, dreischiffige Hallenkirche der Architekten Becker & Böhm, Grundsteinlegung 17. Mai 1886, Konsekration 20. Juli 1891 — wurde bei einem Luftangriff zerstört. Nur der Turm blieb stehen.

Das Datum ist gesichert: Der Totenzettel der Pfarrgemeinde für den Küster, Organisten und Chorleiter Johannes Schmitt hält fest, er habe „durch einen Fliegerangriff am 21. Dezember 1944 im Gotteshause den Tod“ gefunden – mitten in den Vorbereitungen für das Weihnachtsfest. Britische Einsatzberichte verzeichnen für den Abend dieses Tages einen Angriff von 97 Lancaster-Bombern und 17 Mosquitos auf die Bahnanlagen in Bonn; wegen geschlossener Wolkendecke fielen die Bomben ungezielt. Spätere Angaben wie der 12. oder 22. Dezember sind damit überholt.

Die Kirche fiel nicht allein. Die Ortsüberlieferung spricht davon, dass sie „mit vielen umliegenden Gebäuden“ zerstört wurde. Ende 1944 detonierte zudem eine Luftmine an der Annaberger Straße — nicht am Turmhaus selbst, sondern auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Die Druckwelle beschädigte das Turmhaus — eines der ältesten Wohnhäuser des Rheinlands, im romanischen Kern aus dem 12. Jahrhundert, als Siegburger Lehen seit 1387 bezeugt — dennoch schwer.

Ein Detail, das die Friesdorfer bis heute erzählen: Die hölzerne Servatius-Statue aus der alten Pfarrkirche am Turmhaus — 1926 auf dem Speicher der neuen Kirche wiederentdeckt — überstand die Bomben ebendort und kehrte später in den Neubau zurück. Von der Kirche des 19. Jahrhunderts blieben der Turm und die barocke Holzfigur des heiligen Servatius.

Der Winter 1944/45 war noch nicht vorbei. Am 1. Februar 1945 traf ein Luftangriff Bad Godesberg; das Stadtarchiv Bonn dokumentiert Schäden an Bahnhofstraße und Moltkestraße. Drei Tage danach verlor die Gemeinde ihr zweites Zentrum. Kaplan Monzel notierte in der Pfarrchronik wörtlich: „Am 4.2.45 ist das Vereinshaus mit allen seinen Einrichtungen durch Brandbomben vernichtet worden.“

Luftbildausschnitt der zerstörten Pfarrkirche St. Servatius, 13. Februar 1945
St. Servatius am 13. Februar 1945 — Ausschnitt 180 × 180 Meter aus dem alliierten Aufklärungsluftbild, acht Wochen nach der Zerstörung. Der Kreis markiert die im Höhenmodell gemessene Trümmerfläche: 456 Quadratmeter mit nur noch 1,4 Metern Resthöhe, dort wo eine Hallenkirche mit rund 10 Metern Traufhöhe stand.

Das Luftbild vom 13. Februar 1945

Neun Tage nach dem Brand des Vereinshauses und rund acht Wochen nach der Zerstörung der Kirche überflog eine alliierte Aufklärungsmaschine das Rheintal und belichtete in schneller Folge drei sich überlappende Aufnahmen von Friesdorf. Der Zeitpunkt ist historisch außergewöhnlich präzise: drei Wochen vor dem Einmarsch der Amerikaner. Diese drei Bilder sind das letzte Porträt des Kriegsdorfes Friesdorf.

Was für ein Bild das ist

Die Aufnahmen stammen aus einer Reihenmesskammer mit 6-Zoll-Objektiv, geflogen in rund 1.650 Metern Höhe. Ein Bildpunkt entspricht am Boden 36 Zentimetern. Das klingt scharf, ist es aber nicht: Die tatsächlich erkennbare Detailgröße liegt bei 1,35 Metern. Der Rest ist Filmkorn, Bewegungsunschärfe und Dunst. Zwei benachbarte Aufnahmen überlappen sich zu 55 bis 74 Prozent; wie beim räumlichen Sehen des Menschen lässt sich daraus Höhe messen.

Wie ausgewertet wurde

Zuerst wurden die Bilder genordet und mit dem heutigen Stadtplan verknüpft. Dann mussten Verdachtspunkte drei Prüfungen bestehen. Erstens die Persistenz: Ein Fleck zählt nur, wenn er in allen drei Aufnahmen an derselben Bodenstelle erscheint — was nur in einem Bild auftaucht, ist ein Filmfehler. Zweitens der Schattentest: Aus dem gemessenen Sonnenstand jenes Vormittags lässt sich prüfen, ob ein heller Fleck in Wahrheit eine Erhebung ist — eine Heumiete, ein Busch. Drittens die Formklasse: Gesucht wird das, was die Fachliteratur als Bild eines verfüllten Sprengbombentrichters beschreibt: runde, flache, helle Male mit unscharfem Rand.

In einer visuellen Auswertung des aufbereiteten Bildes wurden neun Trichter und drei Zerstörungsflächen durch Luftbildauswertung validiert. Diese Fundstellen wurden zum Prüfmaßstab für das Rechenverfahren. Das Ergebnis war ernüchternd und aufschlussreich zugleich: Die automatische Suche fand nur fünf der neun Trichter selbst — die allerdings auf 1,3 bis 3,9 Meter genau. Daraus folgt der wichtigste Satz: Jede Karte ist ein Mindestbestand. Der wahre Trichterbestand liegt vermutlich beim Doppelten.

Der Friesdorfer Ortskern im Luftbild vom 13. Februar 1945 mit eingezeichneten Bombentrichtern
Der Ortskern am 13. Februar 1945 — Ausschnitt 600 × 600 Meter. Grün: die durch Luftbildauswertung validierten Bombentrichter. Rot: Zerstörungsflächen und weitere Verdachtspunkte. Keine lagegetreue Abbildung.

Befund 1: Die Kirche ist messbar

An der Stelle von St. Servatius zeigt das Höhenmodell eine helle, unregelmäßig begrenzte Fläche von 456 Quadratmetern mit einer Resthöhe von nur noch 1,4 Metern. Nach der Nachpassung der Georeferenzierung am heutigen Straßennetz liegt ihr Schwerpunkt nur 14 Meter neben dem heute erfassten Kirchengebäude. Das ist der Eichpunkt der gesamten Auswertung: ein aktenkundig zerstörtes Gebäude, das die Messung unabhängig wiederfindet.

Befund 2: Eine Wirkungszone im Südosten

Die stärkste Häufung der Verdachtspunkte liegt nicht im Ortskern, sondern 0,8 bis 1,4 Kilometer südöstlich des Klufterplatzes, entlang der Bahnachse Richtung Godesberg-Nord. Bemerkenswert ist, dass eine völlig unabhängige zweite Analyse zum selben Ergebnis kommt: Auch die Gebäudeschadensauswertung über das Höhenmodell findet dort ihre signifikante Ballung. Zeitlich passt das zum dokumentierten Luftangriff auf Bad Godesberg vom 1. Februar 1945, zwölf Tage vor der Aufnahme. Belegt ist die Häufung, nicht ihre Ursache.

Befund 3: Keine frischen Krater — und warum das stimmig ist

Nicht ein einziger Trichter mit strahlenförmigem Auswurfkranz war zu finden. Das ist kein Widerspruch, sondern eine Bestätigung: Auf landwirtschaftlichen Flächen werden Trichter rasch verfüllt. Acht Wochen nach dem Dezemberangriff war von den frischen Kratern nichts mehr zu sehen — übrig blieben genau jene runden, flachen, hellen Male mit unscharfem Rand, die die Fachliteratur als Erscheinungsbild verfüllter Trichter beschreibt.

Wo die Spuren heute liegen

Was 1945 ein Trichter war, ist heute ein Vorgarten, ein Parkplatz, eine Garageneinfahrt. Legt man die validierten Fundstellen auf den heutigen Stadtplan, wird aus einer historischen Zahl eine Nachbarschaft: Die Einschläge liegen zwischen Servatiusstraße und Annaberger Straße, rund um den Klufterplatz und entlang der Wege, auf denen die Friesdorfer heute zur Schule und zum Bäcker gehen. Genau darin liegt der Wert dieser Auswertung — sie holt den Luftkrieg aus der Statistik zurück in den Ort.

Die Befunde von 1945 auf der Karte von heute — auf die Symbole tippen für Erläuterungen
Luftmine 16./17. April 1943 Bombentrichter, validiert Zerstörungsfläche 1945

Wie genau ist diese Karte?

Die Frage wurde geprüft — und die erste Antwort war ernüchternd. Vergleicht man drei Bauwerke, die 1945 wie heute stehen, mit ihren Koordinaten im heutigen Kartendatenbestand, lag die ursprüngliche Georeferenzierung um 30 bis 84 Meter daneben. Der Ausweg lag in dem, was sich seit 1945 kaum verändert hat: dem Straßennetz des Ortskerns. Zwei voneinander unabhängige Bildfilter, die im Luftbild gezielt schmale helle Linien — also Straßen — hervorheben, wurden gegen das heutige Straßennetz verschoben, bis die Übereinstimmung am größten war. Beide kamen auf dasselbe Ergebnis: 46 Meter nach Osten, 68 Meter nach Norden, ein Grad Drehung.

Und dann die Probe aufs Exempel: Die im Höhenmodell gemessene Trümmerfläche der Kirche landet nach dieser Korrektur 14 Meter neben dem heute erfassten Kirchengebäude. Zwei Verfahren, die nichts voneinander wissen, treffen sich auf einen Steinwurf genau. Der verbleibende Lagefehler liegt bei rund ± 20 Metern; die Symbole bezeichnen also eine Stelle, keine Parzelle.

Zwei Hinweise noch. Die Lage der Luftmine ist schematisch auf die Mitte der Klufterstraße gesetzt — der genaue Einschlagpunkt ist in keiner Quelle überliefert; der Kreis zeigt den Wirkbereich der Druckwelle von rund 100 Metern. Und ein eingezeichneter Trichter ist ein Befund von 1945, kein Hinweis auf einen Blindgänger heute: Trichter zeigen, wo eine Bombe detoniert ist. Für die Frage nach nicht detonierten Bomben ist allein der Kampfmittelbeseitigungsdienst der Bezirksregierung Köln zuständig.

Kriegsende, Wiederaufbau, Gedenken

Drei Wochen nach der Aufnahme des Luftbildes endete der Krieg für Friesdorf. Am 8. März 1945 übergaben der Bad Godesberger Kommandant Generalleutnant Richard Schimpf, der Bürgermeister-Vertreter Ditz und der Schweizer Konsul v. Weiß die Stadt kampflos an Truppen der 1. US-Armee; am selben Abend sprengten Wehrmachtspioniere die Bonner Rheinbrücke. Die kampflose Übergabe bewahrte Bad Godesberg und Friesdorf vor Straßenkämpfen, die andernorts im Rheinland in den letzten Kriegswochen noch Hunderte Zivilisten das Leben kosteten.

Die ruinierte Pfarrkirche war die sichtbarste offene Wunde. Unter Pfarrer Josef Kelzenberg begann 1948/49 die planmäßige Trümmerbeseitigung; der Grundstein für den Wiederaufbau wurde am 30. Oktober 1949 gelegt. Der neue Kirchenraum nahm die Fluchten der Becker-&-Böhm'schen Hallenkirche wieder auf, wurde aber nach Westen erweitert — die Gemeinde war durch den Zuzug Heimatvertriebener stark gewachsen. Der erste Gottesdienst fand 1950 statt. Die Eigenleistung der Gemeinde trug den Bau: Männer klopften Steine und schleppten Lasten, Frauen finanzierten über Basare.

1965 stiftete Pfarrer Heinrich Schwamborn in der Turmhalle der Kirche eine Gedenkstätte für die Gefallenen und zivilen Opfer beider Weltkriege: zwei gerahmte Blätter mit über 360 Namen zu beiden Seiten einer hölzernen Pietà. 1968 ließ der Ortsausschuss auf dem Friedhof das Ehrenmal „Unseren Toten aller Kriege“ setzen. Unter den 360 Namen stehen auch die 26 der Klufterstraße.

Friesdorf war kein Ziel. Die erste Bombe fiel im Herbst 1941 „ohne großen Schaden“, die schwerste warf auf dem Rückflug von einem gescheiterten Angriff auf ein 600 Kilometer entferntes Rüstungswerk eine Besatzung ab, die glaubte, Koblenz anzugreifen. Dazwischen liegen 26 Tote, eine zerstörte Kirche, ein ausgebranntes Vereinshaus, ein beschädigtes Turmhaus und ein Dorf, das sich Stollen in den Berg trieb. Das Luftbild vom 13. Februar 1945 hält diesen Ort in der kurzen Spanne zwischen Zerstörung und Neubeginn fest. Die Namen der Toten hält dieser Bericht fest. Beides gehört zusammen.

Quellen: Schulchronik der Friesdorfer Volksschule 1940–1944 (Auszüge bei Karl Josef Schwalb, Beiträge zur Friesdorfer Geschichte, 1984); Pfarrchronik St. Servatius (Kaplan Monzel); Brandbuch der Feuerwehr Bad Godesberg; General-Anzeiger Bonn vom 20. April 1943 und vom 19. April 2018; Royal Air Force Operational Record Books, The National Archives Kew, AIR 27/1908 und AIR 27/492; International Bomber Command Centre Digital Archive, Lincoln; Australian War Memorial, Canberra; Andreas H. Giersberg, „W4783 – G-George“, Vorstudie 2025; Portal Rheinische Geschichte (LVR); Stadtarchiv Bonn; Dietrich Jung, Die letzten Tage Bad Godesbergs, Godesberger Heimatblätter 23 (1985); alliierte Aufklärungsluftbilder vom 13. Februar 1945, Auswertung Friesdorf-Verlag 2026. Die Luftbildauswertung ist keine amtliche Luftbildauswertung und ersetzt keine Kampfmittelvorerkundung. Der vollständige Bericht mit allen Nachweisen erscheint als Heft 2 der Friesdorfer Hefte im Friesdorf-Verlag.

Martinszug 2022 auf der Annaberger Straße in Friesdorf, im Hintergrund der Turm von St. Servatius
Bericht 3

St. Martin in Friesdorf
1406 — 2026

Most-Zins und Martinsfeuer, Knollen und Kotten, Fackelzug und Weckmann: sechs Jahrhunderte eines rheinischen Brauchs in einem Dorf.

Eine quellennahe Darstellung von Andreas Giersberg

Prolog: Ein Samstagabend im November 1928

Die Uhr am Turm der Kirche schlägt halb sechs. Auf dem Schulhof an der Annaberger Straße tanzt „ein Meer von Lichtern“. Die Kinder halten Fackeln, die sie tagelang gebastelt haben: die Friesdorfer Kirche, das Hochkreuz, das Turmhaus, ein Zeppelin, das „Verkehrsauto“, sogar der Rheingoldzug. Dazwischen leuchten die ausgehöhlten Runkelrüben, die „Knollen“, mit ihren schaurig-komischen Fratzen. Dann reitet Sankt Martin mit zwei „Paladinen“ auf den Hof, zwei Edelknaben mit Pechfackeln voran, die Pfeifer und Trommler des Friesdorfer Tambour-Sportklubs spielen zum Marsch – und der Zug setzt sich in Bewegung: die Annaberger Straße hinunter, durch den Kirchhofsgrabenweg und die Grabenstraße, durch die Kumme bis zum Fußballplatz, wo das Martinsfeuer „tausend und abertausend rote Funken in den Nachthimmel“ streut.

So beschrieb die Godesberger Volkszeitung den Friesdorfer Martinsabend am 10. November 1928. Der Bericht ist eine von über dreißig Zeitungsstellen, Urkunden und Liedaufzeichnungen, aus denen sich die Geschichte des Martinsbrauchs in Friesdorf zusammensetzen lässt – vom Weinzins des Jahres 1406 bis zum Laternenzug von heute. Dieser Bericht erzählt sie, mit den Quellen im Wortlaut.

Godesberger Volkszeitung · 12. November 1928 zeit.punkt NRW / ULB Bonn ↗
Zeitungsausschnitt: Godesberger Volkszeitung, 12. November 1928
Heute lesbare FassungDen Zeitungstext in heutigem Deutsch lesen

In Friesdorf.

Was war das am Samstagabend für eine Freude und Begeisterung bei unseren Schulkindern! Endlich hatte die sehnlichst erwartete Stunde geschlagen. Die Uhr am Turm der nahen Kirche schlägt halb sechs: Der weite Schulhof tanzt, fast verwirrend, in einem Meer von Lichtern. Ihre vielen Farbtöne mischen sich mit den Klängen der Musik und dem frischen Gesang der hundert Kinderstimmen. Martinslieder! Die lieben, alten, ewig jungen Melodien. In das bunte Lichtergewirr kommt Ordnung, es formiert sich ein geschlossener Zug. Sankt Martin erscheint mit zwei Begleitern („Paladinen“) hoch zu Ross, in historischem Gewand. Zwei Edelknaben mit flammenden Pechfackeln gehen ihm voran, und er setzt sich an die Spitze des Zuges. Die Pfeifer und Trommler unseres schneidigen Friesdorfer Tambour-Sportklubs – die Jungen stellen sich uneigennützig in den Dienst der Sache – spielen zum Marsch auf. Und endlich geht es los! Diesmal hinunter die Annaberger Straße, am „Waasem“ (mundartlich: Rasen, Grasplatz) links ab in den Kirchhofsgrabenweg, über die Grabenstraße in die Dottendorfer Straße, wieder hinein in den oberen Teil der Annaberger Straße und rechts ab durch die Kumme zum Fußballplatz. Den ganzen Weg entlang wird gesungen, geklungen, gepfiffen und getrommelt. Hunderte säumen den Weg, Hunderte begleiten den Zug. Alles ist auf den Beinen: Väter, Mütter mit den Allerkleinsten! Sie nehmen teil am Triumph ihrer Sprösslinge. Was haben die Kinder in den letzten Tagen der Vorbereitung nicht alles gebastelt! Da gibt es Nachbildungen geschichtlicher Bauten Friesdorfs: die Kirche, das Hochkreuz, das Turmhaus. Man sieht Zeppeline und Flugmaschinen in den verschiedensten Formen, das Verkehrsauto, sogar den Rheingoldzug, ein rotierendes Feuerrad und, zur Erinnerung an einen Schulausflug, die bekannte „Lochmühle“ an der Ahr. Dazu die vielen originell geschnitzten und bemalten Knollen (ausgehöhlte Rüben) mit den bizarrsten Gesichtern. Und all die hundert bunten Fackeln – wahrhaftig ein Bild reichster Abwechslung. Auf dem Sportplatz aber, wo nun alle versammelt sind, steigt die Riesenflamme des Martinsfeuers auf und streut tausend und abertausend rote Funken in den Nachthimmel. Ein Jubelschrei aus Hunderten von Kehlen. Das freundliche, gut bewachte Feuer spendet Leben: Ringsum wird gesungen, gesprungen und getanzt! Martinsfreude – Kinderfreude. Wer wurde ausgezeichnet? Leicht war die Entscheidung nicht! Selbstverständlich bekam jedes Schulkind morgens in der Klasse seinen Martinswecken. Außerdem hatte das Preisgericht für die Fackelprämierung 5 erste, 9 zweite und 20 dritte Preise zu vergeben, die so verteilt wurden:

Knabenklassen: 3 erste, 5 zweite und 10 dritte Preise; Mädchenklassen: 2 erste, 4 zweite und 10 dritte Preise. Sie werden als Geldsparmarken in die Schulsparbücher der Preisträger eingeklebt.

„Waasem“ als Flurname bzw. mundartliches Wort für Rasen ist meine Deutung und nicht aus dem Text belegt. Das „Verkehrsauto“ war wohl der Omnibus.

Wer war Martin?

Kupferstich: Der heilige Martin zu Pferd teilt mit dem Schwert seinen Mantel mit einem Bettler
Martin teilt den Mantel. Kupferstich von Martin Schongauer, um 1475. National Gallery of Art, Washington (CC0), via Wikimedia Commons

Martin wurde um 316 im heutigen Ungarn geboren und diente als Soldat im römischen Heer. Sein Biograf Sulpicius Severus, der ihn noch persönlich kannte, erzählt die berühmteste Szene: In einem ungewöhnlich harten Winter begegnete Martin am Stadttor von Amiens einem fast nackten Armen, an dem alle vorübergingen. Martin besaß nur noch Waffen und Soldatenmantel. Er zog das Schwert, teilte den Mantel und gab dem Frierenden die eine Hälfte. In der Nacht darauf erschien ihm Christus, mit dem Mantelstück bekleidet, und sagte zu den Engeln: „Martinus, obwohl erst Katechumen [Taufbewerber], hat mich mit diesem Mantel bekleidet.“

Martin ließ sich taufen, gründete Klöster und wurde 371 Bischof von Tours. Er starb 397. Sein Festtag, der 11. November, ist der Tag seiner Beisetzung. Weil er ins Ende des bäuerlichen Wirtschaftsjahres fiel, wurde er zum Termin für Pacht, Zins und Gesindewechsel – und damit beginnt auch die Friesdorfer Geschichte.

Martini: Zahltag in Most und Korn

Der älteste Friesdorfer Martinsbeleg ist kein Lied und kein Feuer, sondern ein Pachtvertrag. Am 27. Oktober 1406 nahmen Henkin Hogemuet und seine Frau Bela aus Vryesdorp von der Abtei Heisterbach eine Hofstatt mit Haus und Weingarten zu Crucht in Erbpacht. Zu zahlen war „jährlich Martini“: ein Ohm Wyrtz, 30 Pfennige und zwei Hühner. Wyrtz ist nach dem Herausgeber der Urkunde „der eben im Gähren begriffene weisse Most“. Die Friesdorfer zahlten also mit dem jungen Wein des Jahres, der um Martini gerade im Fass gärte – ein Ohm sind rund 145 Liter.

Martini blieb jahrhundertelang der Zahltag. 1562 mussten sechs Friesdorfer, die an der Steinkuhle Heide- und Buschland zu Weinbergen anlegten, ihren Zins „auf Martini in den Cruchterhof“ bringen; 1791 lieferten die Pächter des Hofes „die Kruft“ jährlich Martini 80 Malter Korn, 40 Malter Gerste und 15 Malter Weizen auf den Speicher der Abtei. Und noch 1833 verpachtete Freiherr von Boeselager sein Turmhofsgut an elf Friesdorfer Ackersleute „von Martin 1833 bis Martin 1836“.

Das Turmhaus an der Annaberger Straße, dahinter der Turm der Pfarrkirche St. Servatius
Das Turmhaus an der Annaberger Straße, Rest des Turmhofs, dessen Pachtjahr 1833 „von Martin zu Martin“ lief. Dahinter St. Servatius. © Andreas Axel Kirch / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons), verkleinert

Gut zu wissen

Eine Martinskirche hatte Friesdorf nie. Die Pfarrkirche ist St. Servatius und St. Margareta geweiht; eine Martinskapelle oder -bruderschaft ist nicht belegt. Die nächste Martinskirche steht in Muffendorf, wo der 11. November als Patronatsfest mit Martinskirmes gefeiert wurde. Ein Friesdorfer Pfarrer schrieb 1837, das Dorf sei 1167 „zum hl. Martin in Bonn eingepfarrt“ gewesen. Der Kirchenhistoriker Maaßen widersprach 1899 deutlich: Für eine Bindung an St. Martin in Bonn gebe es „nicht die geringste Andeutung“.

Vom Bauernfest zum Kinderzug: der Brauch im Rheinland

Lange vor den Laternenzügen war der 11. November ein Wendepunkt im bäuerlichen Jahr. Die Ernte war eingebracht, das Vieh, das nicht über den Winter kam, wurde geschlachtet, Knechte und Mägde wechselten die Stelle, und Pacht und Zins waren fällig, oft in Naturalien. Martin ist zugleich Patron der Winzer; um seinen Tag war der junge Wein zum Probieren bereit. Danach begann das Adventsfasten – also wurde vorher noch einmal kräftig gefeiert. Die Martinsgans ist seit dem 16. Jahrhundert belegt.

Das „alte“ Martinsfest, schreibt die Volkskundlerin Dagmar Hänel vom Landschaftsverband Rheinland, war ein „karnevalesker Heischebrauch“: Vor allem junge Burschen zogen durch die Dörfer, erbaten Eier, Speck und Alkohol und entzündeten große Feuer – „ausgelassen, derb und laut“. Zwischen Ahr, Bonn und Sieg lag eines der Kerngebiete dieser Martinsfeuer auf den Höhen. Schon im 18. Jahrhundert wurden die Feuer vielerorts verboten.

Im 19. Jahrhundert machte das städtische Bürgertum daraus ein geordnetes Kinderfest – zur selben Zeit, als auch der Karneval in Vereinen neu geordnet wurde. Schulen, Feuerwehren und Bürgerausschüsse organisierten Laternenzüge mit neuen Liedern, angeführt von einem reitenden St. Martin. Als frühe Beispiele gelten Dülken (1867) und Düsseldorf (1890), Rheinbach folgte 1903, Bonn und Godesberg 1920, Friesdorf 1921. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Züge beliebter denn je und verdrängten auch in Eifel und Hunsrück die älteren Formen. Heute feiern Kinder aller Herkunft gemeinsam; 2026 wurde die „Martinstradition im Rheinland“ als Kulturform, die „Teilen, Solidarität und Zusammenhalt“ weitergibt, ins Bundesweite Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes aufgenommen.

Holz oder Strüh: Feuer, Heischen, Polizei

Bevor es geordnete Züge gab, gehörte der Martinsabend den Jungen. Wochen vorher zogen sie singend von Haus zu Haus, „heischten“ – erbaten – Stroh, Holz, alte Körbe und Kisten, schichteten daraus einen gewaltigen Holzstoß auf und zündeten ihn am Abend des 10. November an. Nach den Karten des Atlas der deutschen Volkskunde liegt Friesdorf im Kerngebiet dieses Martinsfeuers, das von der Ahr über Bonn bis an die Sieg reicht. Dazu gehörten Laternen aus ausgehöhlten Runkelrüben, im Godesberger Raum „Knollen“ genannt.

Zwei ausgehöhlte, beschnitzte Rübenlaternen mit Kerzenlicht
So sahen die „Knollen“ aus: ausgehöhlte Rüben mit Kerze (Schweizer „Räbeliechtli“). Foto: Micha L. Rieser, via Wikimedia Commons
Hoch loderndes Martinsfeuer in der Nacht, davor Zuschauer als Umrisse
Ein Martinsfeuer im Rheinland (Leverkusen-Opladen, 2005). Foto: TipFox, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert

Für Friesdorf setzt die Überlieferung 1903 ein. Auf eine Leserfrage, wo außer in Bonn und Düsseldorf noch Martinsabend gefeiert werde, antwortete der General-Anzeiger, der Brauch sei „namentlich auf einzelnen Landortschaften besonders ausgeprägt, wie in Rheindorf, Friesdorf, Wesseling“. Drei Jahre später war Schluss – jedenfalls nach Ansicht der Obrigkeit.

Volksmund (Bonn), Beilage · 3. November 1906 zeit.punkt NRW / ULB Bonn ↗
Zeitungsausschnitt: Volksmund (Bonn), Beilage, 3. November 1906
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Veraltete Ortsbräuche.

Friesdorf, 1. November [1906].

Der Martinstag naht. Schon macht sich die Schuljugend daran, Stroh, Holz, alte Körbe und dergleichen für das Martinsfeuer zu sammeln. Viele Burschen hatten nach den Erfahrungen früherer Jahre schon ausgerechnet, wie viel Geld sie bei dieser Gelegenheit mit einsammeln würden. Denn wer kein Stroh oder Ähnliches hatte, musste schließlich in den Geldbeutel greifen, um die unermüdlichen Sänger loszuwerden. Mancher wird sich schon gefragt haben: Was macht die Schuljugend mit dem Geld? Eine Polizeiverordnung, die die Gemeindeverwaltung vor Kurzem erlassen hat, beantwortet die Frage: Das zur Verherrlichung des heiligen Martin gesammelte Geld wird in Zigaretten, Süßigkeiten und dergleichen umgesetzt. Wir gönnen den Kindern von Herzen die Freude, sich an einem haushoch lodernden Feuer zu ergötzen. Trotzdem sind wir mit unserer Gemeindeverwaltung der Ansicht, dass diese Art der Kinderbelustigung nur noch in rein ländlichen Orten sinnvoll ist. Für unseren Ort hat sie nicht nur ihre innere Berechtigung völlig verloren, sondern ist zu erzieherisch durchaus schädlichen Auswüchsen ausgeartet. So ist die Geschichte Godesbergs um die Tatsache reicher, dass im Jahr 1905 das letzte Martinsfeuer gebrannt hat – ein Zeichen, dass wir der „Stadt Godesberg“ immer näher kommen.

Die letzten Jahrzehnte haben auf dem Land fast ganz mit jahrhundertelang üblichen Bräuchen aufgeräumt. Früher waren die Dörfer eine große Familie. Die Polizeidiener gehörten dazu. Protokolle und Schulstrafen kannte man nicht. Waren die Dorfbeamten einmal schlecht gelaunt, sah man rasch ein, dass nur der Geist der Liebe alles wieder ausgleichen konnte. Ein Körbchen Pflaumen oder Äpfel oder, zur Schlachtzeit, eine meterlange Wurst sorgte schnell wieder für fröhliche Gesichter. So verstand es der biedere Bauer, die scharfen Ecken der Gesetze mit diplomatischer Hand abzuschleifen. Davon hatte auch die Behörde ihren Nutzen. Wie anders ist das alles geworden! Die gute alte Zeit musste einer strengen Schulgesetzgebung und einer ganzen Reihe von Polizeiverordnungen weichen. Die Wurst und auch das Obst muss der Bauer selbst essen. Niemand nimmt aus seiner freigebigen Hand auch nur noch einen Bissen. Die Hüter der Ordnung dürfen keine Rücksicht mehr nehmen. Lässt der Bauer einen Wagen eine Stunde lang auf der Straße stehen, ist das Protokoll nicht mehr weit – obwohl Friesdorf vom Auto- und sonstigen Verkehr noch ziemlich verschont ist und an eine Verkehrsbehinderung nicht zu denken ist. Für den Charakter des Ortes kommen diese städtischen Maßregeln noch etwas früh. Das Wohlgefühl der guten alten Zeit ist uns 5 bis 10 Jahre zu früh genommen worden.

Wir sehen, dass unsere neueste Zeit immer ärmer an Idealismus wird und dass selbst das Beste, was der Bauer früher besaß, um zufrieden und ruhig leben zu können – „die Bratwurst“ –, in mancher Hinsicht völlig seinen Wert verloren hat.

Anekdote

Zigaretten statt Heiliger: Eine Polizeiverordnung stellte 1906 fest, dass das „zur Verherrlichung des heiligen Martinus gesammelte Geld in Zigaretten, Zuckersachen und dergl.“ wanderte. Der Korrespondent schrieb das Martinsfeuer ab: 1905 habe „das letzte Martinsfeuer gebrannt“. Er irrte sich gründlich – zwanzig Jahre später schichteten die Friesdorfer Jungen ihren Holzstoß höher denn je.

Im Ersten Weltkrieg fielen die Züge aus; 1916 verbot die Feldschutzpolizei im Landkreis Bonn, zu dem Godesberg mit Friesdorf gehörte, die Martinsfeuer aus Sparsamkeit.

Das Friesdorfer Martinslied

Was sangen die Jungen, wenn sie mit dem Leiterwagen von Tür zu Tür zogen? Die Antwort gab der Bonner Rektor Michael Zender im November 1909 im Eifelvereinsblatt – und er schrieb im Präsens, drei Jahre nach dem angeblich „letzten Martinsfeuer“: „In Friesdorf bergen die ältern Knaben vorher die Brennstoffe auf Leiterwagen und singen dabei“:

Friesdorfer Platt Der hl. Zinter Merten, dat wor ne gode Mann,
Der delte singe Mantel met enem ärme Mann.
Ihr Lükche, kut es an de Dühr,
und jet os jett für et Martinsfür.
Holz oder Strüh,
dat schleppe mer op de Hüh!
Heute gesagt Der heilige Sankt Martin, das war ein guter Mann,
der teilte seinen Mantel mit einem armen Mann.
Ihr Leutchen, kommt mal an die Tür
und gebt uns was fürs Martinsfeuer.
Holz oder Stroh,
das schleppen wir auf die Höhe!
M. Zender: Martinsbrauch und Martinslieder, Eifelvereinsblatt 10 (1909), Nr. 11; wieder abgedruckt im Eifel-Heimatbuch 1924/25, S. 205, die Heischezeilen auch im General-Anzeiger vom 11.11.1926

Die ersten beiden Zeilen stammen aus dem alten Bonner Martinslied, das schon 1822 in Radlofs „Mustersaal aller teutschen Mund-arten“ gedruckt wurde („Dat Mätens-Ledgen“) und das Karl Simrock 1846 erneut aufzeichnete („He Zinter Mäte, dat war ne gode Mann …“). Die Bettelzeilen danach stehen weder bei Radlof noch bei Simrock – sie sind die eigentlich Friesdorfer Zutat. Und sie verraten etwas: „op de Hüh“ – das Feuer brannte, wie im ganzen Kerngebiet üblich, auf einer Anhöhe. Wo genau, sagt keine Quelle.

Ein zweiter Vers überlebte bis in die 1960er Jahre im Gedächtnis. Die Friesdorfer Lehrerin G. Mentis gab ihn 1968 an den Heimatforscher Karl Josef Schwalb weiter:

Friesdorfer Platt Maertens ovend maachen die Wiever de Wuesch.
Wer dann noch Wing em Keller hätt,
der leg noch keene Duersch.
Heute gesagt Am Martinsabend machen die Frauen die Würste.
Wer dann noch Wein im Keller hat,
der leidet noch keinen Durst.
K. J. Schwalb: Die Entwicklung Friesdorfs im 19. Jahrhundert, Godesberger Heimatblätter 17, S. 83 f., Anm. 27

„Wuesch“ sind Würste, nicht Wäsche: Um Martini wurde geschlachtet. Auch dieser Vers ist eine Strophe des alten Bonner Liedes („Mertensavend machen de Wiwer de Würsch …“). In Friesdorf, wo bis ins 19. Jahrhundert Wein wuchs, passte er besonders gut – Schwalb las ihn als letzte Erinnerung an den Weinbau.

Der große Zug 1921–1932

1920 führten Bonn und Godesberg erstmals geordnete Martinszüge für alle Kinder ein; in Godesberg ritt St. Martin auf einem Schimmel vom Schulplatz an der Burgstraße zum Feuer auf der Godesburg. Friesdorf folgte ein Jahr später. „Auch in unserem Orte soll, wie voriges Jahr, ein Martinsfest stattfinden“, schrieb die Deutsche Reichs-Zeitung im November 1922 – der erste Friesdorfer Zug fand also 1921 statt.

Godesberger Volkszeitung · 7. November 1922 zeit.punkt NRW / ULB Bonn ↗
Zeitungsausschnitt: Godesberger Volkszeitung, 7. November 1922
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Martinszug in Godesberg-Friesdorf. Auch in diesem Jahr soll dieser beliebte alte Volksbrauch wieder aufleben. Am Freitagabend um 6 Uhr werden die Kleinen und auch manche Großen wieder versuchen, mit ihren brennenden Fackeln unter den Klängen der Martinslieder durch den Ort zu ziehen. Allen voran reitet Sankt Martin mit Gefolge auf stolzen Pferden. Am lodernden Feuer werden sie an den Mann denken, der einst der große Wohltäter der Armen war. Der Not der Zeit entsprechend sollen diesmal aber nur die Kinder Gaben erhalten, die wirklich in Not leben. Von allen Seiten sind schon reichlich Spenden eingegangen, und die Sammlung geht eifrig weiter. Um noch mehr Geld zusammenzubekommen, werden Martinsgänse verlost. Die Lose kosten nur 20 Mark und sind bei Herrn Organist Schmidt, Annaberger Straße, zu haben. Möge jeder dieser guten Sache dienen und im Sinne Sankt Martins sein Scherflein beitragen.

„diesmal mal“ ist ein Druckfehler im Original. 20 Mark waren im Inflationsjahr 1922 ein kleiner Betrag.

Aus den Berichten der folgenden Jahre ergibt sich ein festes Bild. Man stellte sich gegen halb sechs auf dem Schulhof an der Annaberger Straße auf. St. Martin ritt mit Helm und wehendem Mantel voran, begleitet von „Paladinen“, „Trabanten“ oder Pagen und Edelknaben mit Pechfackeln. Dann kamen die „Knöppelchesjonge“, die Trommler und Pfeifer des um 1923 gegründeten Tambour-Sportvereins, und eine „große Musik“. Der Weg wechselte von Jahr zu Jahr. Ziel war der „Märtenskotten“, der mächtige Holzstoß auf dem Sportplatz an der Maar – dort, wo heute die Pauluskirche und die Bodelschwinghschule stehen. Am nächsten Morgen wurden in der Schule die schönsten Fackeln prämiert, und jedes Kind bekam einen Martinswecken.

624Martinswecken für Schul- und Bewahrschulkinder, 1932
45Preise für die schönsten Fackeln, 1929
4 Tagebauten die Jungen 1931 am Märtenskotten
500„frische Kinderstimmen“ im Zug, 1929
Godesberger Volkszeitung · 12. November 1929 zeit.punkt NRW / ULB Bonn ↗
Zeitungsausschnitt: Godesberger Volkszeitung, 12. November 1929
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Sankt Martin in Bad Godesberg-Friesdorf

Endlich, endlich war der große Freudentag für unsere Kleinen gekommen. Tage-, ja wochenlang hatte er mit all seinen heimlichen und offenen Vorbereitungen die Kinder in Bann gehalten und lebhaft beschäftigt. Am gestrigen herbstschönen Montag fanden dann still gehegte Hoffnungen und mühsam gezügelte Erwartung, die sich zu höchster Spannung gesteigert hatten, endlich ihre Erfüllung. Schon morgens in der Schule begann es mit der Prämierung der originellsten und schönsten Martinsfackeln. Bei solchem Wettbewerb und dem diesjährigen „Massenaufgebot“ wahrhaftig keine leichte Arbeit. Endlich aber standen die 45 kleinen Preisträger fest, die mit leuchtenden Augen und klopfendem Herzen ihre Martinsgabe entgegennahmen. Kaum weniger glücklich waren alle übrigen Martinskinder, als sie den duftenden großen Wecken in Händen hielten und ihn andächtig und tapfer verspeisten. Dann kam endlich der heiß ersehnte Abend, der aller Feier und Freude die Krone aufsetzen sollte. Langsam füllt sich der geräumige Schulhof, bis er in ein Heer hin und her wogender bunter Lichter getaucht ist. Dazwischen jauchzende, jubelnde Kinderstimmen. Da erscheint plötzlich im Dunkel des Abends, wie aus dem Boden gewachsen, Sankt Martin mit seinem Gefolge: drei Ritter in malerischen Gewändern hoch zu Ross, begleitet von flinken Edelknaben. Das bunte Lichtergewirr ordnet sich zum Zug, das schneidige Friesdorfer Tambourkorps spielt zum Marsch auf. Dann setzt die Musik ein, und fünfhundert frische Kinderstimmen singen begeistert die frohen, vertrauten Martinslieder. Ohne zu ermüden, ohne Pause, mal das eine, mal das andere Lied, solange der lange Zug durch die Straßen zieht – wie ein Lichtwunder. Was gibt es da nicht alles zu sehen! Eine Fackel schöner und origineller als die andere: Windmühlen mit drehenden Flügeln, Zeppelin-Luftschiffe, historische Bauten aus dem Ort, Fackeln in schönem Scherenschnitt, durchscheinende Bilder der Heimat und des Rheins mit seinen Burgen, und überall dazwischen die urwüchsige, derbe „Knollenfackel“ (aus einer ausgehöhlten Rübe) mit den originellsten, urkomischen Fratzen – vielleicht immer das beste Kapitel für sich.

Ja, staunen muss man und fragt sich, was mehr zu bewundern ist: der Einfallsreichtum oder das Geschick der Knirpse, die sich solche Dinge in ihren Lockenköpfen ausdenken. Die Straßen sind dicht gesäumt: junge und alte Mütter mit dem Kleinsten auf dem Arm! Manche Häuser tragen Lichterschmuck (bald müssen es alle sein!), bengalisches Licht taucht den Zug in magischen Zauber, am Himmel leuchten Mond und Sterne silbern, Jubel, Gesang: Martinsstimmung! Den Alten geht das Herz auf, und sie werden wieder jung. Dann aber vollzieht sich am mächtig hoch aufgeschichteten Martinsfeuer das große Ereignis. Was singende Jungen wochenlang unermüdlich für diese eine Stunde zusammengetragen und aufgeschichtet haben, lodert jetzt in mächtiger, vom Wind umtoster Flamme auf und trägt tausend und abertausend leuchtende Funken zum Nachthimmel. Feierlicher Augenblick! Mit staunenden Blicken und offenem Mund nehmen die Kinder wahr, wie „einhertritt auf der eignen Spur die freie Tochter der Natur“ [Zitat über das Feuer aus Schillers „Lied von der Glocke“]. Nur einen Augenblick – dann bricht unter den Klängen der Musik das Martinslied noch heller und begeisterter hervor, aus Hunderten frischer Kehlen gesungen, als wolle es den Himmel stürmen. Langsam sinkt das Feuer in sich zusammen, allmählich leert sich der Platz. Mond und Sterne begleiten nach Hause. Die Martinsfeier ist zu Ende. Dank, herzlichen Dank allen, die dazu beigetragen haben, vor allem der Friesdorfer Lehrerschaft, in deren Händen die vorbildlich gute und erfolgreiche Vorbereitung lag.

Das Wort „sein[e]n“ ist im Druck beschädigt. Die Zeitung schreibt mehrfach „orginell“; in der Transkription ist das beibehalten.

Anekdote

Der Erfinder mit dem Uhrwerk: 1930 trug ein Junge einen Leuchtturm „mit selbstständig drehenden Scheinwerfern“ im Zug – gebaut aus einem alten Uhrwerk und zwei Taschenlampen. Andere Fackeln stellten das Flugschiff Do X, ein Hochhaus, Windmühlen mit drehenden Flügeln und 1928 sogar die Lochmühle an der Ahr dar, zur Erinnerung an einen Schulausflug.

Godesberger Volkszeitung · 11. November 1930 zeit.punkt NRW / ULB Bonn ↗
Zeitungsausschnitt: Godesberger Volkszeitung, 11. November 1930
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Sankt Martin in Godesberg-Friesdorf.

Endlich war sie gekommen, die Stunde der Martinskinder. Tage-, ja wochenlang hatte man sich darauf vorbereitet: zu Hause in heimlicher, stiller Bastelarbeit, draußen die unermüdlich fleißigen Martinsjungen beim Aufschichten des mächtigen Martinskottens (des Holzstoßes für das Martinsfeuer). Montagabend gegen 6 Uhr. Die Dämmerung sinkt herab und wird zum abendlichen Dunkel. Der weite Schulhof an der Annaberger Straße aber ist in ein Meer durcheinanderwogender bunter Lichter getaucht. Feenhaft und märchenschön wirkt es. Überall frohes Leben, Kinderjauchzen, Musik, Martinslieder aus frischen Kehlen. Väter und Mütter mit den Kleinsten und Allerkleinsten an der Hand oder auf dem Arm. Leuchtende Kinderaugen. In den kleinen Händchen halten sie krampfhaft den schlanken Stiel der bunt leuchtenden Fackel. Plötzlich wird es still. Aber nur einen Augenblick, dann vielstimmiger, heller Jubel: Sankt Martin ist erschienen, hoch zu Ross, mit strahlendem Helm und wehendem Mantel. Ihm zur Seite die Trabanten in bunten Gewändern. Ordnende Hände stellen sanft und freundlich die Reihen zum geschlossenen Zug auf. Sankt Martin an der Spitze, hinter ihm die braven „Knöppelchensjonge“ (die Trommlerjungen, wörtlich „Trommelstock-Jungen“) vom Friesdorfer Tambour-Sportverein, in der Mitte die „große“ Musik.

Jauchzend, klingend und singend bewegt sich der bunte Lichterzug, überall bestaunt, bewundert und froh begrüßt, durch verschiedene Straßen des Ortes zum Martinskotten in der Nähe des Sportplatzes. (Wegen der Wetterlage, die Regen ankündigte, musste der Weg leider gegen den ursprünglichen Plan abgekürzt werden.) Was für eine außerordentliche Vielfalt zeigt sich! Keine Fantasie ist reicher und erfinderischer als die eines Kindes. Wahrzeichen der Heimat aller Art sind zu sehen: Schule, Turmhaus, Forsthaus und anderes. Die Technik ist vertreten mit einem modernen Hochhaus, einem Zeppelin, dem Flugschiff Do X, Windmühlen usw. Dort gar ein Leuchtturm mit selbstständig drehenden Scheinwerfern – der flinke, erfinderische Junge hatte dafür ein altes Uhrwerk und zwei Taschenlampen verwendet. Dazu die vielen verschiedenen Lampions, Fackeln und die „urwüchsige“ Knolle (ausgehöhlte Rübe) mit den verschiedensten Fratzen. Am Martinskotten hält der Zug. Ein Augenblick höchster Spannung. Da ein Knall – und lichterloh steigt die Martinsflamme mit tausendsternigem Kometenschweif auf. Die große Stunde ist gekommen und rauscht vorbei mit Singen, Klingen, Lust und Freude.

„Kotten“ heißt hier der aufgeschichtete Holz- und Reisighaufen fürs Martinsfeuer (vgl. „Märtenskotten“ 1931–1933). „Knöppelchensjonge“ deute ich als Trommler, nach „Knöppel“ für Klöppel bzw. Trommelstock; das ist erschlossen.

Getragen wurde der Zug von der Lehrerschaft und – ab 1930 – vom Ortsausschuss. Bezahlt wurde er „dank der Opferfreudigkeit unserer Friesdorfer Bürgerschaft“: mit Spenden und mit der Verlosung von Martinsgänsen. 1922, mitten in der Inflation, verkaufte der Organist Schmidt an der Annaberger Straße die Lose zu 20 Mark, und Gaben sollten nur die Kinder bekommen, „die in wirklicher Not leben“. Vermutlich war er derselbe Johannes Schmitt, Küster und Organist von St. Servatius, der am 21. Dezember 1944 in den Trümmern der Kirche ums Leben kam.

1931 stand der Zug auf der Kippe. Die Wirtschaftskrise drückte, und auf derselben Zeitungsseite, die ihn ankündigte, stand das preußische Verbot aller Umzüge unter freiem Himmel vom 31. Oktober 1931 – nur unpolitische Umzüge konnten eine Ausnahme bekommen. Der Zug kam „in letzter Stunde doch noch zustande“, dank der Geschäftsführung des Ortsausschusses und der Lehrerschaft. Die Friesdorfer antworteten mit Lichterschmuck an den Häusern und Feuerwerk, und das Urteil im Ort lautete: „So schön ist er wahrhaftig noch nie gewesen!“

Godesberger Volkszeitung · 11. November 1931 zeit.punkt NRW / ULB Bonn ↗
Zeitungsausschnitt: Godesberger Volkszeitung, 11. November 1931
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Sankt Martin in Godesberg-Friesdorf.

Über den diesjährigen Martinszug gestern Abend, der sozusagen in letzter Stunde doch noch zustande kam, gibt es im Ort nur eine Meinung: „So schön ist er wahrhaftig noch nie gewesen!“ Warum? Weil die Einwohner diesmal auf die gegebene Anregung hin ihre Anteilnahme am Martinsfest so stark wie noch nie nach außen zeigten: mit geschmackvoller Beleuchtung der Häuser, Feuerwerk und sogar Lichterdekorationen. Und dazu die helle Begeisterung bei Jung und Alt! Wieder einmal zeigte sich, wie tief das Martinsfest als schöner, uralter Brauch und als Fest des Kindes in der Seele des rheinischen Volkes verwurzelt ist. Es geht auf 6 Uhr zu. Die Dämmerung sinkt herab und wird allmählich zum Abenddunkel. In den Straßen taucht bald hier, bald dort ein buntes Licht auf, sie sammeln sich zu Gruppen. Helle, jauchzende Kinderrufe. Alles strebt einem Ziel zu: dem Schulhof!

Der ist bald in ein Meer durcheinanderwogender bunter Lichter getaucht. Hunderte und Aberhunderte Lichter in allen Farben und Schattierungen – feenhaft, märchenschön. Und ein Leben und Treiben voller Jauchzen und Lust, so unmittelbar, urwüchsig-frisch, lebendig und sprühend, als habe die Freude selbst hier persönlich ihren glänzenden Hofstaat aufgeschlagen. Trommel- und Pfeifenklang der braven, wackeren Jungen vom Friesdorfer Tambour-Sportverein, die es sich geradezu zur Ehre machten, „für die Musik zu sorgen“. Ein besonderes „Bravo“ für sie! Martinslieder aus frischen Kehlen, von Gruppe zu Gruppe. Die vollzählig anwesende Lehrerschaft des Ortes hat alle Hände voll zu tun, die Kinder zu sammeln, Ordnung zu schaffen und sie in Reih und Glied aufzustellen. Väter und Mütter mit den Kleinsten und Allerkleinsten an der Hand, auf dem Arm, auf den Schultern. Leuchtende Kinderaugen. In den kleinen Händchen halten sie krampfhaft den schlanken Stiel der bunt leuchtenden Fackel. „Sankt Martin“ erscheint, hoch zu Ross, mit strahlendem Helm und wehendem Mantel. Ihm zur Seite die Trabanten in historischem Gewand. Erst Stille – dann bricht ein Jubelsturm der Freude aus tausend Kehlen los. Und dann setzt sich der Lichterzug unter jauchzendem Klingen und Singen in Bewegung. Voran Sankt Martin mit Gefolge, hinter ihm die sechsfache Reihe der „Knöppelchesjonge“ (Trommlerjungen)!

Überall bestaunt, bewundert und froh begrüßt, geht es durch verschiedene Straßen des Ortes zum mächtigen „Märtenskotten“ (Martinsholzstoß) am Sportplatz an der Maarstraße. In vier Tagen hatten ihn „echte, rechte Friesdorfer Jungen“ mit Unterstützung aller Einwohner zu gewaltiger Höhe aufgeschichtet. Von dem erhöhten Platz aus kann man mit einem Blick die Geschicklichkeit und den Erfindungsgeist der bastelnden Jugend an den vielen verschiedenen Martinsfackeln bewundern. Es sind zu viele, um sie alle aufzuzählen. Aber die „urwüchsige Knolle“ (ausgehöhlte Rübe) ist Trumpf. Und das ist gut so! Denn an ihr zeigt sich eine kunstfertige Hand am ehesten, und sie braucht nur wenige Mittel. Stille! Ein Augenblick höchster Spannung. Da – ein Knall! Lichterloh steigt die Martinsflamme auf. Ein tausendsterniger Kometenschweif steigt aus knisternder Glut und wogender Flamme. Jubel ohne Ende! Die große, lang erwartete Stunde ist gekommen und rauscht vorbei mit Singen, Klingen, Lust und Freude. Dank, herzlichen Dank allen, die dazu beigetragen haben, Kinderherzen und auch die Herzen der Alten froh zu machen – in notvoller, bitterer Zeit!

Im Original steht der Druckfehler „mit strahlenden Helm und wehendem Helm und wehendem Mantel“ (Doppelung); in der Lesefassung ist er stillschweigend berichtigt. Zum Hintergrund: Die GVZ vom 7.11.1931 (2075029) meldet, der Zug sei dank der Geschäftsführung des Ortsausschusses und der Lehrerschaft trotz der Wirtschaftskrise doch noch zustande gekommen.

Anekdote

Gänseliesel und Rufer: 1932 wetteiferten die Schulkinder um den „Rekord“ im Losverkauf, denn es gab Prämien; die Friesdorfer Jungfrauen sammelten mit dem Ruf „Beitrag für den Martinszug!“. Im Zug fuhr ein Gänsewagen mit, auf dem „Gänseliesel“ mit langen Zöpfen und im Mieder saßen, und während der Märtenskotten brannte, verkündete ein „Rufer“ die Gewinner der Gänseverlosung.

Godesberger Volkszeitung · 11. November 1932 zeit.punkt NRW / ULB Bonn ↗
Zeitungsausschnitt: Godesberger Volkszeitung, 11. November 1932
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In Friesdorf …

Auch in Friesdorf nahm der Martinszug einen schönen Verlauf. Im Zug waren Fackeln und Transparente aller Art und Form zu sehen, Modelle und Symbole, groß und klein, zierlich und fein. Und die „urwüchsige Knolle“ (ausgehöhlte Rübe)! Mit ihrer „Fratze“ ist sie immer noch das interessanteste und kunstfertigste Gebilde. Unmöglich, das Ganze zu überblicken und aufzuzählen. Und in all dem Licht welch ein Jubel! Trommel- und Pfeifenklang! Der Martinszug setzt sich in Bewegung. Voran, hoch zu Ross, „Sankt Martin“ mit strahlendem Helm und wehendem Mantel, ihm zur Seite die „Trabanten“ in historischem Gewand. In vielen Reihen dahinter die braven „Knöppelchesjonge“ (Trommlerjungen) vom Tambour-Sportverein und dann der lange, bunte Lichterzug. Mittendrin die „große Musik“ und auch der große „Gänsewagen“; auf ihm, zwischen bunten Fackeln, die lachenden „Gänseliesel“ mit langen Zöpfen und im Mieder. Überall helfen und ordnen die Feuerwehr und die Lehrerschaft des Ortes. So geht es unter jauchzendem Klingen und Singen durch verschiedene Straßen an den reich beleuchteten Häusern vorbei zum Fußballplatz. Dort steht mitten auf dem Platz der mächtige „Märtenskotte“ (Martinsholzstoß). Ein Augenblick höchster Spannung. Da! Lichterloh steigt die Martinsflamme auf. Ein tausendsterniger Kometenschweif steigt aus knisternder Glut und Lohe. Jubel ohne Ende! Die große, lang erwartete Stunde ist gekommen. Während die Flammen hoch in die Nacht leuchten, verkündet der „Rufer“ laut die Gewinne der großen Gänseverlosung. Jubel und Freude reihen sich immer wieder aneinander. So geht das Fest zu Ende. Ein schöner Schluss ist der innige Dank der Herzen!

Historisches Foto: Martinszug um 1930, St. Martin zu Pferd mit Helm, Gefolge und Kinder mit Lampions
So sah ein Martinszug um 1930 aus – hier in Düsseldorf: St. Martin mit Helm zu Pferd, Gefolge, Kinder mit Lampions. Aus Friesdorf ist kein Foto dieser Zeit bekannt. Foto: Julius Söhn, um 1930 (gemeinfrei), via Wikimedia Commons

Licht vom Ewigen Licht: 1933–1945

1933 führte Friesdorf einen neuen Brauch ein. Der Zug zog mit dunklen Fackeln vom Schulhof in die Kirche. Dort sprach der Kaplan, man sang das kirchliche Martinslied, und bei der dritten Strophe stieg St. Martin zum Chorraum hinauf und nahm „feierlich Licht vom ‚Ewigen Licht‘“; an dieser Flamme wurden alle Fackeln entzündet. Erst dann zog der Lichterzug durch die Straßen – vorbei an Häusern, die diesmal „mit Fahnen geschmückt“ waren.

Am Feuer zeigte sich, was die neue Zeit aus dem Fest machen wollte. Rektor Weißenfels, der Leiter der Volksschule, nannte es ein Fest des Kindes, „tief verwurzelt“ in der „vom Führer Adolf Hitler erstrebten Volksgemeinschaft“, und warb für die Reichstagswahl und Volksabstimmung am folgenden Sonntag; ein Sprechchor der Kinder rief: „Für Deutschlands Ehre und Gleichberechtigung – ja!“ Kirchlicher Brauch und politische Vereinnahmung standen an diesem Abend unmittelbar nebeneinander.

Godesberger Volkszeitung · 11. November 1933 zeit.punkt NRW / ULB Bonn ↗
Zeitungsausschnitt: Godesberger Volkszeitung, 11. November 1933 (Teil 1) Zeitungsausschnitt: Godesberger Volkszeitung, 11. November 1933 (Teil 2)
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Sankt Martin in Godesberg-Friesdorf

Kein Zweifel: Das Martinsfest in Friesdorf war immer schön. So schön, so feierlich und so weihevoll wie 1933 war es aber noch nie. Denn zum ersten Mal führte man einen neuen Brauch ein, dem man nicht nur dauerhaften Bestand, sondern auch Nachahmer in anderen Orten wünscht. Mit Beginn der Dämmerung sammelte sich wie gewöhnlich auf dem Schulhof die große, kaum überschaubare Schar der großen und kleinen Martinsfreunde.

Aber? Es fehlt etwas – keine einzige Martinsfackel brennt. Was soll das bedeuten? Schon setzt sich der Zug mit Sankt Martin hoch zu Ross an der Spitze in Bewegung, und noch immer leuchtet keine der tausend Fackeln. Vor der Kirche hält er an. Sankt Martin steigt vom Schimmel, geht in die Kirche und schreitet hinauf vor den Altar. Neben ihm seine Trabanten, hinter ihm der ganze Martinszug. Brausender Orgelklang erfüllt das Gotteshaus, das für die vielen großen und kleinen Martinskinder fast zu klein ist. Der Herr Kaplan hält eine ganz kurze, aber herzliche Ansprache zu Ehren Sankt Martins und zu seiner Nachahmung. Tausend helle Stimmen singen, von der Orgel begleitet, das kirchliche Martinslied. Bei der dritten Strophe aber steigt Sankt Martin hinauf zum Chorraum und nimmt dort feierlich Licht vom „Ewigen Licht“, der Lampe vor dem Tabernakel. An diesem Licht entzünden sich, rasch weitergegeben, alle, alle Martinsfackeln.

Feierlicher Orgelklang begleitet den Auszug aus der Kirche. Sankt Martin mit strahlendem Helm und wehendem Mantel besteigt das Pferd. Der Zug, diesmal als Lichterzug mit all seinem märchenhaften Zauber, setzt sich wieder in Bewegung: Trommel- und Pfeifenklang des Tambourkorps, dann die „große Musik“, dann heller Gesang aus tausend jungen Kehlen – ein einziger singender, klingender, lichtverzauberter Jubel.

So geht es durch verschiedene Straßen des Ortes, vorbei an reich beleuchteten, mit Fahnen geschmückten Häusern. Bald ist das Ziel erreicht: Auf dem Fußballplatz „an der Maar“ wird der riesengroße, haushohe „Martenskotten“ (Martinsholzstoß) angezündet, den waschechte Friesdorfer Jungen dort in fröhlicher Arbeit aufgeschichtet haben. Während seine Flamme Funken sprüht, dankte Rektor Weißenfels in wohlgesetzten Worten allen, die zum Gelingen des Martinsfestes beigetragen hatten – eines Festes des Kindes, das tief in der „vom Führer Adolf Hitler erstrebten Volksgemeinschaft“ verwurzelt sei. Und wie hier, so müsse sich dieser Gemeinschaftsgeist im Ort auch am kommenden Sonntag bei der Wahl zeigen, indem jeder so stimme, wie es nun der Sprechchor der Kinder verkündete: „Für Deutschlands Ehre und Gleichberechtigung – ja!“ „Für Freiheit und Frieden – ja!“

„[K]irche“: Das K ist im Druck beschädigt. „Die Wahl“ ist die Reichstagswahl mit Volksabstimmung über den Austritt aus dem Völkerbund am Sonntag, 12.11.1933. Ob der Kirchenbrauch mit dem Ewigen Licht in späteren Jahren wiederholt wurde, ist in den gefundenen Berichten nicht belegt.

Die Züge gingen weiter, „wie alljährlich“. Der ausführlichste Bericht stammt vom 11. November 1938: St. Martin auf weißem Pferd mit Helm und Federbusch, Lehrer und Feuerwehrleute mit Pechfackeln, Rübenfackeln „mit Wattebart“, rund tausend Zuschauer am Feuer, und auf dem Venusberg schickten sieben Scheinwerfer ihre Lichtbündel in den Himmel. Der Bericht erschien zwei Tage nach der Pogromnacht. Auf derselben Zeitungsseite stand die Meldung über die „judenfeindlichen Kundgebungen“ vor Synagogen und jüdischen Geschäften in Bad Godesberg und Bonn. Eine eigene Rolle von Partei, Hitlerjugend oder Volkswohlfahrt beim Friesdorfer Zug nennen die gefundenen Berichte nicht.

Mittelrheinische Landes-Zeitung · 11. November 1938 zeit.punkt NRW / ULB Bonn ↗
Zeitungsausschnitt: Mittelrheinische Landes-Zeitung, 11. November 1938
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Martinszüge zogen durch die Straßen

Fröhliche und singende Jugend in Friesdorf und Lannesdorf

Schon seit einer Woche sammelte die Friesdorfer Jugend Brennmaterial für ein haushohes Martinsfeuer. Mit Wägelchen und Wagen, die von stämmigen Jungen gezogen wurden, brachte man überall überzähliges Holz und anderes Brennbares zum Platz an der Maar und schichtete es am Tag des Zuges zu einem hohen Stapel auf. Mit viel Fleiß und Geduld wurden Fackeln gebastelt – von der ausgehöhlten Rübe mit Wattebart bis zur kunstvoll vollendeten Fackel mit zierlichen Ornamenten, Wappen und Tieren. Ein Transparent „Freut euch des Lebens“ sollte die Festfreude nötigenfalls beleben, aber das war gar nicht nötig. Am Abend, ja schon viel früher, versammelte sich die Schuljugend mit ihren Fackeln auf dem Schulplatz. Was für ein fröhliches Getümmel! Die Stimmung stieg gewaltig, als Sankt Martin hoch auf einem weißen Pferd erschien, in glitzerndem Rock und lang herabwallendem Mantel, auf dem Kopf den blitzenden Helm mit Federbusch, und sich an die Spitze des Zuges stellte. Eine Musikkapelle spielte die altvertrauten Martinslieder an, und dann zog der Zug, von den Lehrern betreut und von Feuerwehrleuten mit brennenden Pechfackeln begleitet, durch die Annaberger Straße, die Kumme, die Klufterstraße und die Maar zum Martinsfeuer. Hell erklangen die Martinslieder aus frischen Kinderkehlen.

Nicht nur die Schulkinder, auch sehr viele Jüngere bis hinunter zu anderthalb Jahren wollten dabei sein – viele an der Hand der sorgsamen Mutter oder auf dem starken Arm des Vaters, aber jedes Kind mit der brennenden Fackel in den kleinen Fäusten. Die bunten Lichter spiegelten sich in den glücklich strahlenden Augen der Kleinen. Und auch die Zuschauer am Straßenrand werden sich beim Anblick des schönen Martinszuges gern an ihre eigene Jugend erinnert haben, als sie selbst als Fackelträger mitmarschierten. Manche Häuser an den Straßen des Zuges hatten ihre Fassaden mit roten Glühlämpchen geschmückt. Dann umrundete der Zug das Martinsfeuer, das die Feuerwehr zu hellen Flammen entfacht hatte und um das sich wohl 1000 „Volksgenossen“ versammelt hatten, um mit den Kindern im Schein des Feuers noch einmal die volkstümlichen Martinslieder zu singen. Drüben auf dem Venusberg schickten wie zum Gruß sieben Scheinwerfer ihre Lichtbündel in den dunklen Himmel. Am Morgen des Martinstages wartete auf die Schulkinder noch eine freudige Überraschung: Jedes Kind fand seinen duftenden Martinsweck vor.

„Volksgenossen“ ist NS-Sprachgebrauch; in der Lesefassung steht es deshalb in Anführungszeichen. Die Überschrift nennt Lannesdorf, der zweite Teil des Artikels handelt aber von Mehlem; das steht so im Original.

Im Herbst 1939 war es vorbei. „Der Martinszug fällt in diesem Jahr aus – genau wie vor 25 Jahren zu Beginn des Weltkriegs“, meldete die Zeitung; wegen der Verdunkelung löschte die Polizei sogar die kleinen Feuer, die Kinder trotzdem anzündeten. Aus den Kriegsjahren gibt es keinen Friesdorfer Beleg.

Mittelrheinische Landes-Zeitung · 7. November 1939 zeit.punkt NRW / ULB Bonn ↗
Zeitungsausschnitt: Mittelrheinische Landes-Zeitung, 7. November 1939
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Martinsfeuer sind unangebracht

Hier und da haben Kinder schon nachmittags und abends ihr Feuerchen angezündet, bis Passanten oder die Polizei ihnen „mit Recht“ die Freude verdarben; denn bei der totalen Verdunkelung sind auch diese kleinen Feuer unangebracht. Der Martinszug fällt in diesem Jahr, wie bereits mitgeteilt, aus – genau wie vor 25 Jahren zu Beginn des [Ersten] Weltkriegs.

Die Meldung steht im Godesberger Lokalteil und gilt für ganz Bad Godesberg; Friesdorf wird nicht eigens genannt. „Märtesfeuer“ ist die mundartliche Form von Martinsfeuer. Im Original steht „die em“ für „diesem“ (Druckfehler).

Neubeginn: St. Martin als Bischof

Im November 1949 lud die Schule Bad Godesberg-Friesdorf wieder ein: am 10. November um 17.30 Uhr ab Schulplatz, über die Annaberger und Kessenicher Straße, den Kirchhofsgrabenweg, die Grabenstraße, Prinzen- und Klufterstraße zum Sportplatz In der Maar. Die Anwohner sollten ihre Fenster beleuchten. Zugleich bat das Schulamt, das „Geldheischen“ an den Türen einzuschränken – der alte Heischebrauch lebte also noch.

General-Anzeiger Bonn · 9. November 1949 zeit.punkt NRW / ULB Bonn ↗
Zeitungsausschnitt: General-Anzeiger Bonn, 9. November 1949
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Der Martinszug in Friesdorf

Der Martinszug der Schule Bad Godesberg-Friesdorf beginnt am 10. November um 17.30 Uhr auf dem Schulplatz. Er zieht in diesem Jahr über Annaberger Straße, Kessenicher Straße, Kirchhofgrabenweg, Grabenstraße, Prinzenstraße, Annaberger Straße und Klufterstraße zum Sportplatz In der Maar. Die Anwohner werden gebeten, ihre Fenster nach Möglichkeit zu beleuchten.

Ein Jahr später verrät der General-Anzeiger, wer den Heiligen spielte: „Den heiligen Bischof stellten dar: … in Friesdorf Joseph Hermanns.“ 1950 ritt St. Martin also als Bischof durch Friesdorf – nicht als römischer Soldat mit Helm wie vor dem Krieg und wie heute.

General-Anzeiger Bonn · 11. November 1950 zeit.punkt NRW / ULB Bonn ↗
Zeitungsausschnitt: General-Anzeiger Bonn, 11. November 1950
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Bunte Lichterzüge

Durch Alt-Godesberg und die Außenorte

Gestern durften die seit Langem bereitliegenden, oft selbst gebastelten Fackeln und kunstvollen Laternen endlich durch die Straßen getragen werden. Die kleineren Jungen und Mädchen taten das mit so feierlicher Wichtigkeit, dass sie fast das Singen vergaßen; die Größeren waren weniger andächtig, sangen dafür aber umso kräftiger mit. Die Musiker spielten, und die Kinder sangen die altvertrauten Martinslieder. An der Spitze ritt Sankt Martin im Purpurmantel auf einem weißen Pferd. Während des Alt-Godesberger Martinszuges läuteten die vier neuen Glocken von St. Marien, und als der Zug an der Kirche vorbeikam, wurde sie zum ersten Mal bei solcher Gelegenheit mit Feuerwerk und farbigem Licht angestrahlt. Den heiligen Bischof stellten dar: in Alt-Godesberg Ludwig Stupp, in Rüngsdorf Martin Schmitz, in Friesdorf Joseph Hermanns, in Mehlem Franz Schmitz, in Muffendorf Elmar Masermann. Am lodernden Martinsfeuer machte man Halt. Die Kinder sangen, Sankt Martin sprach zu ihnen und versprach jedem einen Weckmann; einige bekamen ihn schon gestern Abend, die meisten erhalten ihn erst heute. In Lannesdorf zieht der Martinszug erst heute Abend.

Der Text endet im Druck ohne Schlusspunkt nach „heute abend“. Die Meldung ist ein Sammelbericht; für Friesdorf trägt sie vor allem den Namen des St. Martin 1950 bei.

Historisches Foto 1948: Kinder und Erwachsene mit Laternen beim Martinszug
Martinszug der Nachkriegszeit, 1948 (Düsseldorf-Urdenbach). Bundesarchiv, Bild 194-0448-38 / Lachmann, Hans / CC-BY-SA 3.0
Filmbild 1977: zwei lachende Jungen in Friesdorf mit großen, bunt beklebten Laternen an Stöcken
Friesdorf 1977: Kinder mit ihren selbst gebastelten Laternen (Standbild aus einem Schmalfilm, restauriert). Film: Josef Schwalb, 1977; Archiv Giersberg

Der Ortsausschuss: Gastgeber des Zugs

Wer den Friesdorfer Martinszug ausrichtet, hat sich im Lauf eines Jahrhunderts mehrfach geändert – und doch zieht sich ein roter Faden durch: der Ortsausschuss. Gegründet wurde er im Frühjahr 1929, in zwei Schritten: Im Februar lud Pfarrverwalter Dünner zur Gründungsversammlung, am 11. März 1929 konstituierte sich der Ausschuss. Er verstand sich als überparteiliche „Arbeitsgemeinschaft aller Friesdorfer Vereine“; zur Geschäftsführung gehörten Bauunternehmer G. Bauerfeind, Heinrich Schmitz, Paul Kolter und Hermann Mentis. 1933 zählte er 19 Mitgliedsvereine.

Die ersten Züge hatten Lehrerschaft und Bürgerschaft getragen. Im November 1930 stand der Martinszug zum ersten Mal auf der Tagesordnung des Ortsausschusses, und Pfarrer Dünner dankte „den Leitern und der Organisation des Martinszuges“. 1931 rettete die „Initiative der Geschäftsführung des Ortsausschusses“ den Zug in der Wirtschaftskrise. In den Jahren danach nennen die Berichte vor allem Lehrer, Feuerwehr und 1933 die Pfarrei. Am 3. Februar 1937 löste die NSDAP den Ortsausschuss auf; wer die Züge 1937 und 1938 ausrichtete, ist nicht überliefert.

Am 29. Februar 1948 lebte der Ortsausschuss unter Bauerfeind wieder auf, doch der Zug von 1949 hieß noch ausdrücklich „Martinszug der Schule“. Wann der Ortsausschuss ihn wieder übernahm, verraten die erhaltenen Quellen nicht. Seit etwa 2005 reitet Ralf Hünten als St. Martin voran, damals stellvertretender, seit 2013 Erster Vorsitzender. Heute stimmt der Ortsausschuss den Zugweg mit der Polizei ab, verkauft Martinslose – 2019 stifteten Sponsoren 235 Preise –, bezahlt die Weckmänner für Kitas und Schulen und veröffentlicht Zugweg und Gewinner. Neben Maiansingen, Kirmes und Weihnachtsmarkt gehört der Martinszug zu seinen festen Terminen im Jahr; seine Satzung nennt als Zweck, das „heimatliche Brauchtum“ zu erhalten und zu fördern.

Laternen, Lose und Knüles: heute

Heute richtet der Ortsausschuss Friesdorf 1929 e. V. den Zug aus – wie schon 1930/31. Es gibt zwei Sammelpunkte, den Schulplatz der katholischen Servatiusschule an der Annaberger Straße und die evangelische Bodelschwinghschule; beide Gruppen ziehen gemeinsam weiter, 2019 etwa über die Kumme und die Annaberger Straße. Der Zwischenhalt an der Bodelschwinghschule liegt damit genau am alten Feuerplatz der 1920er Jahre. Das Martinsfeuer aus Paletten brennt auf der Wiese am Sportplatz an der Margaretenstraße; angezündet und bewacht wird es von der Jugendfeuerwehr, die zur Löscheinheit Bad Godesberg der Freiwilligen Feuerwehr Bonn gehört; das DRK hält Sanitäter bereit. Bezahlt wird das Ganze mit Martinslosen, die an den Sammelstellen verkauft werden, und mit Spenden örtlicher Firmen.

Martinszug 2022 in Friesdorf: viele Menschen mit leuchtenden Laternen auf der Annaberger Straße
Der Martinszug am 3. November 2022 auf der Annaberger Straße. Foto: Archiv Giersberg; Kennzeichen unkenntlich gemacht
Martinszug 2025 in Friesdorf in der Dämmerung: Kinder mit leuchtenden Gänse-Laternen
Der Zug 2025 in der Dämmerung, viele Kinder mit selbst gebastelten Gänse-Laternen. Foto: Ortsausschuss Friesdorf 1929 e. V. (friesdorf.net)
Das Friesdorfer Martinsfeuer 2023: ein hoch brennender Turm aus Paletten in der Nacht
Das Martinsfeuer aus Paletten auf der Wiese am Sportplatz, 2023. Foto: Ortsausschuss Friesdorf 1929 e. V. (friesdorf.net)

Seit etwa 2005 reitet Ralf Hünten, seit 2013 Vorsitzender des Ortsausschusses, als St. Martin voran – in römischer Soldatentracht mit Helm und rotem Mantel, 2021 auf seinem Trakehner „Kalmer“. Vormittags besucht er Kitas und Schulen. Den Mantel teilt er dort nicht: „St. Martin hat den Mantel geteilt, ich teile mit den Kindern den großen Weckmann“, erzählte er 2021. Die Weckmänner bezahlt der Ortsausschuss. 2020 fiel der Zug wegen Corona aus.

St. Martin mit Helm und rotem Mantel auf einem Schimmel, umringt von Kindern mit Laternen auf einem Schulhof
St. Martin hoch zu Ross auf dem Schulhof, umringt von den Laternenkindern, 2023. Foto: Ortsausschuss Friesdorf 1929 e. V. (friesdorf.net)
Ein Weckmann aus Hefeteig mit Tonpfeife
Weckmann mit Tonpfeife – der Nachfahre des Martinsweckens von 1932. Foto: Opzwartbeek, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert
St. Martin zu Pferd mit Helm als Umriss vor einem Martinsfeuer
St. Martin vor dem Feuer (Aachen-Schleckheim, 2011). Foto: Ladislaus Hoffner, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons, verkleinert

Dazu kommen Martinsmesse und Senioren-Martinsfest in St. Servatius und eine St.-Martin-Feier der evangelischen Pauluskirche. Seit dem 27. März 2026 steht die „Martinstradition im Rheinland“ im Bundesweiten Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes. Friesdorf hat daran seinen Anteil: als Ort, an dem der Brauch schon 1903 „besonders ausgeprägt“ war.

Gastgeber und Helfer des Martinszugs

Logo des Ortsausschusses Friesdorf 1929 e. V. mit Ortswappen
Ortsausschuss Friesdorf 1929 e. V. – richtet den Zug aus
Logo der Jugendfeuerwehr Bonn: Löwe mit Feuerwehrhelm und Bonner Wappen
Jugendfeuerwehr der Löscheinheit Bad Godesberg – Martinsfeuer
Logo der Bäckerei Markmann mit Filialen in Friesdorf, Plittersdorf und auf dem Heiderhof
Bäckerei Markmann, Annaberger Straße 204 – Unterstützer

Ohne viele Hände kein Zug. Neben Ortsausschuss, Jugendfeuerwehr, DRK und den Schulen helfen örtliche Firmen mit Spenden und Preisen für die Martinslose. Zu ihnen gehört die Bäckerei Markmann, ein Friesdorfer Familienbetrieb mit Stammhaus an der Annaberger Straße 204 und Filialen in Plittersdorf und auf dem Heiderhof. Ihr Logo steht 2023 und 2024 auf den Martinsseiten des Ortsausschusses, zusammen mit denen der Jugendfeuerwehr, des DRK und der Conditorei Ott.

Knüles: das Martinsessen

Zum Martinsabend gehört in Friesdorf ein Gericht, das kaum jemand außerhalb des Rheinlands kennt: Knüles. Gemeint ist der rheinische Kesselskuchen, ein Kuchen aus geriebenen Kartoffeln, der im gusseisernen Kessel im Ofen gebacken wird. In der Bonner Innenstadt sagt man eher Kesselskooche oder Döppekooche; bei einer Platt-Umfrage 2011 war „K(n)üles“ in Bad Godesberg und seinen Stadtteilen die meistgenannte Form. Heute noch wird in Friesdorf das traditionelle Knüles-Essen in Gastwirtschaften angeboten; der Jahreskalender des Ortsausschusses kündigt für 2026 Knülesessen „an verschiedenen Tagen im November rund um die St. Martinsfeierlichkeiten“ an.

Dass Knüles in Friesdorf seit Generationen auf den Tisch kommt, zeigt eine volkskundliche Umfrage. 1982 verschickte das Amt für rheinische Landeskunde in Bonn (heute LVR-Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte) einen Fragebogen „Nahrung und Speise im Wandel nach 1900“. Um 1983 beantwortete eine 80-jährige Friesdorferin, katholische Hausfrau und Frau eines Arbeiters, die Fragen nach der Küche ihrer Jugend; kochen gelernt hatte sie nach 1910 im elterlichen Haushalt. Auf die Frage, welche Gerichte als „Armeleuteessen“ galten, schrieb sie:

„Armeleuteessen: Kesselkuchen im Volksmund ‚Knüles‘ genannt. Kesselkuchen bestand aus geriebenen Kartoffeln, Speckwürfeln oder/und grober Bratwurst und Rosinen. Geriebene Kartoffeln und Zutaten wurden in Oel in einem Gußeisernen Bratkessel gebacken.“ Fragebogenantworten zu Ernährungsgewohnheiten, Bonn-Friesdorf, um 1983 (LVR-Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte, Inv.-Nr. 2013.1443.039a)
Maschinengeschriebener Antwortbogen aus Bonn-Friesdorf mit geschwärzten Namen; unten die Antwort 7d über Knüles
Der Friesdorfer Antwortbogen, um 1983; unten Antwort 7d zum „Knüles“. Namen vom Archiv geschwärzt. LVR-Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte, Inv.-Nr. 2013.1443.039a, alltagskulturen.lvr.de, CC BY 4.0, Ausschnitt

Was damals ein Armeleuteessen war, ist heute ein Festessen. Als zweites Armeleuteessen nannte die Friesdorferin Pellkartoffeln mit eingelegtem Hering, von dem die Kinder je ein Drittel bekamen; in Notzeiten aß man Löwenzahn als Salat. Zu Ausflügen gab es Kartoffelsalat mit hartgekochten Eiern, als Vereinsessen Sauerbraten zur Kirmes. Vor jeder Mahlzeit wurde gebetet, und vor dem Anschneiden zeichnete man mit dem Brotmesser ein Kreuz auf den Laib. Mit St. Martin bringt die Friesdorferin den Knüles nicht in Verbindung; das tun aber Antworten aus der Nachbarschaft. In Niederdollendorf notierte die Befragte 1984 zu Sankt Martin „Dielsknall“ und setzte hinzu, in Königswinter heiße das Gericht „Kesselsbrütche“. Das Rheinische Wörterbuch kennt aus Bonn auch die Namen „Kesselsknall“ und „Tiegelknall“. Den Namen „Knüles“ verzeichnet es dagegen nur als Wort für einen Dickkopf, der Friesdorfer Bogen ist also ein früher Beleg für Knüles als Gericht.

Fragen und Antworten des BogensAlle zwölf beantworteten Fragen der Umfrage von 1982
Nr.Frage im Fragebogen 1982Antwort aus Friesdorf, um 1983
1cTeilweise Selbstversorgung aus Garten und Kleintierzucht bei Nichtlandwirten.Teilweise Selbstversorgung aus Garten und Kleintierzucht.
2hWintervorräte früher und heute. Wie und wo verwahrt(e) man sie?Wintervorräte an Gemüse wurden in Erdgruben verwahrt. Keller mit Gewölbe war außerhalb des Hauses im Hof. Eignete sich ideal zum Lagern von Kartoffeln.
4cDie üblichen Speisen und Erfrischungen bei Ausflügen, Reisen, Wallfahrten.Kartoffelsalat mit hartgekochten Eiern.
4eGibt es am Ort bestimmte traditionelle Gesellschaftsessen, die man bei Zusammenkünften von Vereinigungen auftischt(e)?Kirmes, Sauerbraten.
4gWelche Rolle spielt heute der Schnellimbiß?Keine.
5aDer Raum, in dem gegessen wurde (gegessen wird); wochentags, sonntags, an besonderen Festtagen.Immer in der Küche.
5cTischgeschirr und Dekoration bei besonderen Gelegenheiten.Einfaches Geschirr.
5dGebräuche zum Beginn, zur Beendigung und während der täglichen Mahlzeiten sowie beim Festmahl.Vor jeder Mahlzeit wurde gebetet.
5eDie übliche Sitzordnung am täglichen Familientisch und in der familiären Festgemeinschaft (auch Hausfrau, Kinder, Gäste).Vater saß immer am Kopfende.
5gAnschneiden von Brot oder Fleisch bei Tisch.Beim Anschneiden von Brot wurde mit dem Brotmesser ein Kreuzzeichen auf dem Brot gemacht.
7aDie sonst nicht gebräuchlichen Pflanzen und Früchte, die man [in Notzeiten] zu Speisen verwendete.Löwenzahn wurde als Salat gegessen.
7dWelche Gerichte galten als Notspeise? Als Armeleuteessen?Armeleuteessen: Kesselkuchen, im Volksmund „Knüles“ genannt. Kesselkuchen bestand aus geriebenen Kartoffeln, Speckwürfeln oder/und grober Bratwurst und Rosinen. Geriebene Kartoffeln und Zutaten wurden in Öl in einem gusseisernen Bratkessel gebacken. Pellkartoffeln mit eingelegten Heringen. Kinder erhielten ein Drittel eines Herings.

Fragen: „Befragung 1982 Volkskunderat Rhein-Maas – Nahrung und Speise im Wandel nach 1900“; Antworten: Bogen Inv.-Nr. 2013.1443.039a. Beide LVR-Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte, CC BY 4.0; Schreibung behutsam angepasst, Zusatz in eckigen Klammern aus der Kapitelüberschrift „Nahrung in Notzeiten“.

Handschriftliches Knüles-Rezept der Familie Giersberg auf liniertem Papier

Altes Knüles-Rezept der Familie Giersberg

„Man nehme:“

  • 1 eisernen Gusskessel
  • 1 kleinen Eimer Kartoffeln
  • 3 Eier
  • ½ Pfund durchwachsenen Speck in Würfeln
  • 3 alte Brötchen
  • Schweineschmalz, Salz
  • Rosinen, 2 Äpfel, Nüsse

Den Kessel mit Schmalz einfetten. Geriebene Kartoffeln, Eier, eingeweichte Brötchen, Rosinen, Äpfel und Nüsse sowie den gewürfelten Speck gut mischen, in den Gusskessel geben und 2½ Stunden bei 150 °C im Backofen ohne Deckel backen.

Das handgeschriebene Familienrezept; die Abschrift daneben ist leicht an die heutige Schreibung angepasst. Familienbesitz Giersberg

Schnörzen: Singen an der Tür

„Schnörzen“ nennt man im Köln-Bonner Raum den Brauch, dass Kinder nach dem Martinszug in kleinen Gruppen von Tür zu Tür gehen, ein Martinslied singen und um eine kleine Gabe bitten. Das Wort kommt von „schnorren“, betteln; das Rheinische Wörterbuch verzeichnet es ausdrücklich für Bonn. Am Niederrhein sagt man „krippschen“, anderswo im Rheinland „kötten“ oder „dotzen“, im Bergischen „Mäten singen“.

Der Brauch ist viel älter als der Laternenzug. Schon das Bonner Martinslied, 1822 gedruckt, bittet: „Wer gät hät, dä schött dä Knapsack“ – wer etwas hat, der schütte es in den Sack. Wer nichts gab, bekam einen Spottvers zu hören, den die Kinder nach einer Anmerkung von 1822 nur sangen, „wenn sie nichts erhalten“. Früher sammelten die Jungen vor allem Holz und Stroh für das Feuer, dazu Eier, Speck oder Wurst; bald kam Geld dazu. In Friesdorf wollte die Gemeinde das Geldsammeln 1906 per Polizeiverordnung unterbinden, und 1949 bat das Schulamt erneut, das „Geldheischen“ einzuschränken. Heute gibt es meist Süßigkeiten oder Obst. Wer sich auf die Sänger freut, stellt eine Kerze ins Fenster.

Gut zu wissen

Das Friesdorfer Heischelied von 1909 ist ein Schnörz-Lied im besten Sinn: „Ihr Lükche, kut es an de Dühr, un jet os jett für et Martinsfür“ – erbeten wurde damals kein Bonbon, sondern Brennholz für das große Feuer.

St. Martin oder Halloween?

Halloween und St. Martin liegen nur zehn Tage auseinander und werden oft in einem Atemzug genannt – dabei haben sie ganz verschiedene Wurzeln. Halloween ist der Vorabend von Allerheiligen („All Hallows’ Eve“) und stammt aus Irland und Schottland; ob es auf das keltische Fest Samhain zurückgeht, ist unter Fachleuten umstritten. Auswanderer brachten den Brauch nach Amerika, wo aus der geschnitzten Rübe der Kürbis wurde – das irische Nationalmuseum bewahrt noch eine „Geisterrübe“ aus Donegal um 1900. Nach Deutschland kam Halloween erst in den 1990er Jahren. Nach einer verbreiteten, von einem Zeitzeugen gestützten Darstellung warb die Kostüm- und Spielwarenbranche ab 1994 gezielt dafür, nachdem der Karneval 1991 wegen des Golfkriegs ausgefallen war.

St. MartinHalloween
Datum10./11. November31. Oktober
AnlassHeiliger Martin, der seinen Mantel teilte; Ende des BauernjahresVorabend von Allerheiligen; heute Grusel- und Kostümfest
An der Türein Lied, eine Bitte – früher ein Spottvers, wenn nichts kam„Süßes oder Saures“ – die Drohung mit einem Streich
LichtLaterne, früher Rübe oder Fackel; MartinsfeuerKürbis, in Irland früher die Rübe
KernideeTeilen, Licht, GemeinschaftGruseln, Verkleiden, Spaß
Im Rheinland seitHeischen belegt 1822, Züge um 1900, Friesdorf 1921Mitte der 1990er Jahre

Gemeinsam ist beiden das Heischen der Kinder in der dunklen Jahreszeit und das Licht aus ausgehöhlten Feldfrüchten. Doch während Halloween vom Gruseln lebt, steht bei St. Martin das Teilen im Mittelpunkt. Dass Halloween das Martinssingen verdrängt, wird oft behauptet, ist aber kaum untersucht; der Kirchenhistoriker Manfred Becker-Huberti hält es für unwahrscheinlich, dass sich Halloween im Rheinland wegen des tief verwurzelten Heischebrauchs durchsetzt. In Friesdorf jedenfalls ziehen jedes Jahr viele Kinder mit ihren Laternen hinter St. Martin her zum Feuer.

Wege und Feuer auf der Karte

Treffpunkte und Feuerplätze von 1922 bis 2026 – auf die Punkte tippen für Erläuterungen
Start und Treffpunkt 2026 Orte 1921–1950 Martinsfeuer heute Martinsfeuer 1927–1949

Kleines Friesdorfer Martins-Wörterbuch

Märtenskotten
der aufgeschichtete Holzstoß fürs Martinsfeuer (Zeitungen 1930–1933).
Märtensjunge
die Jungen, die Brennstoff heischen und den Kotten bauen.
Knolle
ausgehöhlte Runkelrübe mit Kerze und geschnitzter „Fratze“.
Knöppelchesjonge
die Trommler und Pfeifer des Tambour-Sportvereins; wohl nach „Knöppel“, dem Trommelstock.
schnörzen
singend an den Türen um Gaben bitten, von „schnorren“; für Bonn belegt.
kötten, krippschen, dotzen
dasselbe in anderen Teilen des Rheinlands.
Lükche
„Leutchen“, Anrede an die Hausbewohner im Heischevers.
Strüh
Stroh.
op de Hüh
auf die Höhe – dorthin, wo das alte Feuer brannte.
Wyrtz
junger, gärender Most; 1406 Friesdorfer Martini-Zins.
Martinswecken
das Gebäck für jedes Kind am Morgen nach dem Zug; heute der Weckmann.
Knüles
Kesselskuchen: geriebene Kartoffeln mit Speck, oft mit Rosinen, im gusseisernen Kessel gebacken; früher „Armeleuteessen“, heute Friesdorfer Martinsessen.

Zeitleiste

  1. 1406Friesdorfer zahlen ihren Martini-Zins in jungem Most an die Abtei Heisterbach.
  2. 1562Neue Weinberge an der Steinkuhle, Zins „auf Martini“.
  3. 1833Turmhofpacht „von Martin zu Martin“.
  4. 1822Das Bonner Martinslied wird erstmals gedruckt (Radlof), die Wurzel der Friesdorfer Verse.
  5. 1903Friesdorf gilt als Ort mit „besonders ausgeprägtem“ Martinsbrauch.
  6. 1906Polizeiverordnung gegen das Geldheischen; „1905 das letzte Martinsfeuer“.
  7. 1909Michael Zender druckt das Friesdorfer Sammellied „Ihr Lükche, kut es an de Dühr …“.
  8. 1916Martinsfeuer im Landkreis Bonn verboten; die Züge fallen aus.
  9. 1921Erster geordneter Martinszug in Friesdorf.
  10. 1928Fackeln als Kirche, Turmhaus und Rheingoldzug.
  11. 1929Gründung des Ortsausschusses Friesdorf.
  12. 1930Der Martinszug steht erstmals auf der Tagesordnung des Ortsausschusses.
  13. 1931Zug trotz Krise und Umzugsverbot – „so schön wie nie“.
  14. 1932624 Martinswecken, Gänsewagen mit Gänseliesel.
  15. 1933Licht vom Ewigen Licht – und NS-Festrede am Feuer.
  16. 1938Zug zwei Tage nach der Pogromnacht.
  17. 1937Die NSDAP löst den Ortsausschuss auf.
  18. 1939Zug fällt aus, Verdunkelung.
  19. 1948Neugründung des Ortsausschusses.
  20. 1949Neubeginn mit dem Zug der Schule.
  21. 1950Joseph Hermanns reitet als Bischof Martin.
  22. 1968Lehrerin G. Mentis überliefert den Wurst-und-Wein-Vers.
  23. ~2005Ralf Hünten wird St. Martin.
  24. 1994Erste Halloween-Werbung in Deutschland (nach einem Zeitzeugenbericht).
  25. 2020Ausfall wegen Corona.
  26. 2026Martinstradition im Rheinland wird Immaterielles Kulturerbe.

Quellen und Bildnachweise

Dieser Bericht beruht auf der Auswertung von über dreißig Zeitungsseiten der Jahre 1903 bis 1950 (zeit.punkt NRW / ULB Bonn; Deutsches Zeitungsportal), mittelalterlichen Urkunden, Liedaufzeichnungen, dem Rheinischen Wörterbuch und heutigen Quellen des Ortsausschusses und der Stadt Bonn. Die Zeitungsausschnitte stammen aus Artikeln ohne Verfasserangabe, die 70 Jahre nach Erscheinen gemeinfrei sind; die „heute lesbaren Fassungen“ übertragen sie in heutige Rechtschreibung, ohne den Sinn zu ändern.

Quellen anzeigen
  • F. Schmitz (Bearb.): Urkundenbuch der Abtei Heisterbach, Bonn 1908, Nr. 445 (1406), 619 (1562), 779 (1791).
  • A. Berchem: Der Turmhof zu Friesdorf; K. J. Schwalb: Die Entwicklung Friesdorfs im 19. Jahrhundert, beide in: Godesberger Heimatblätter 17.
  • J. G. Radlof: Mustersaal aller teutschen Mund-arten, Bd. 2, Bonn 1822, S. 180 f. – K. Simrock: Martinslieder, Bonn 1846. – M. Zender: Martinsbrauch und Martinslieder. Volkskundliche Darstellung mit besonderer Berücksichtigung der Eifel, Eifelvereinsblatt 10 (1909), Nr. 11 (dilibri.de); ders.: Martinsbrauch und Martinslieder im Eifelland, in: Eifel-Heimatbuch 1924/25, S. 204–208.
  • G. H. Chr. Maaßen: Geschichte der Pfarreien des Dekanates Bonn, Bd. 2, Bonn 1899, S. 172–174. – Topographische Karte 1:25.000, 1936–45 (Geobasis NRW), Sportplatz an der Maar.
  • Rheinisches Wörterbuch, Bd. 5, Sp. 904–910 (Martin und Zusammensetzungen), Bd. 7, Sp. 1650 (schnörzen).
  • Sulpicius Severus: Vita sancti Martini, Kap. 3 (Mantelteilung).
  • D. Hänel: Elfter Elfter, Portal Alltagskulturen im Rheinland (LVR), alltagskulturen.lvr.de. – D. Pertz: Vor 100 Jahren: Erster organisierter St. Martinszug in Rheinbach, 2003. – Rheinisches Wörterbuch, Bd. 4, Sp. 1286 (kötten), Bd. 7, Sp. 1646–1650 (schnorren, schnörzen).
  • Godesberger Volkszeitung 1929–1935 und Unterlagen zum Ortsausschuss Friesdorf (Gründung 1929, Auflösung 1937, Neugründung 1948); Ortsausschuss Friesdorf, Berichte zum Martinszug 2015–2026 (friesdorf.net).
  • The Local, 31.10.2016 (Halloween in Deutschland); National Museum of Ireland, „Ghost turnip“ F1943.350; Sonntagsblatt, 6.11.2025 (Becker-Huberti).
  • General-Anzeiger für Bonn und Umgegend 11.10.1903, 5.11.1916, 11.11.1926, 14.11.1928, 12.11.1935, 11.11.1937, 9.11.1949, 9. und 11.11.1950; Volksmund 3.11.1906; Deutsche Reichs-Zeitung 8.11.1922; Godesberger Volkszeitung 7.11.1922, 11.11.1926 bis 11.11.1933; Mittelrheinische Landes-Zeitung 11.11.1935, 11.11.1938, 7.11.1939.
  • General-Anzeiger 19.9.2019 (Abdruck VHH Bad Godesberg); Rheinische Anzeigenblätter 7.10.2019 und 12.11.2021; Plakate und Jahreskalender des Ortsausschusses Friesdorf 2013–2026; Stadt Bonn, Martinszüge 2026; Kultusministerkonferenz, 27.3.2026.
  • Fragebogenantworten zu Ernährungsgewohnheiten (Befragung 1982 „Nahrung und Speise im Wandel nach 1900“), Bonn-Friesdorf um 1983, Inv.-Nr. 2013.1443.039a, und Niederdollendorf 1984, LVR-Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte (alltagskulturen.lvr.de). – Rheinisches Wörterbuch: Knüles, Kesselknall, Tiegelknall. – Ch. Rein: Bonn, LVR-Dialektportal 2020 (Platt-Umfrage 2011). – Ortsausschuss Friesdorf, Jahreskalender 2026 (Knülesessen).
Bildnachweise anzeigen
  • Zeitungsausschnitte: zeit.punkt NRW / Universitäts- und Landesbibliothek Bonn (jeweils mit Link zur Seite).
  • Martinszug 2022 (Titel und Abschnitt „heute“): Archiv Giersberg. Standbild 1977: Film von Josef Schwalb, Archiv Giersberg. Knüles-Rezept: Familienbesitz Giersberg.
  • Martinszug 2023 und 2025, Martinsfeuer 2023: Ortsausschuss Friesdorf 1929 e. V. (friesdorf.net). Logos: Ortsausschuss Friesdorf 1929 e. V., Jugendfeuerwehr Bonn, Bäckerei Markmann.
  • Fragebogen Friesdorf um 1983: LVR-Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte, Inv.-Nr. 2013.1443.039a, CC BY 4.0.
  • Mantelteilung: Martin Schongauer, um 1475, National Gallery of Art, Washington, CC0.
  • Turmhaus und St. Servatius: © Andreas Axel Kirch / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons), verkleinert.
  • Rübenlaternen: Micha L. Rieser, via Wikimedia Commons (Namensnennung).
  • Martinsfeuer Opladen: TipFox, CC BY-SA 4.0, verkleinert.
  • Martinszug Düsseldorf um 1930: Julius Söhn, gemeinfrei.
  • Martinszug Urdenbach 1948: Bundesarchiv, Bild 194-0448-38 / Lachmann, Hans / CC-BY-SA 3.0.
  • Weckmann: Opzwartbeek, CC BY-SA 4.0, verkleinert.
  • St. Martin vor dem Feuer: Ladislaus Hoffner, CC BY-SA 4.0, verkleinert.

Die vollständige Studie mit allen Belegen, Widersprüchen und offenen Fragen liegt beim Friesdorf-Verlag vor. Wer alte Fotos vom Friesdorfer Martinszug, Erinnerungen an den „Märtenskotten“ oder an die „Hüh“ hat, auf der vor 1905 das Feuer brannte, meldet sich gern über das Kontaktformular.

Weitere Berichte folgen

Drei Berichte dieser Reihe sind erschienen. Nach und nach kommen hier weitere Geschichten aus der Friesdorfer Vergangenheit hinzu — über Höfe und Häuser, Vereine und Wirtschaften, Arbeit und Alltag.

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