Zeitstrahl

Zweitausend Jahre Friesdorf

Vom römischen Landgut an der Arndtruhe bis heute: 90 Stationen der Friesdorfer Geschichte, jede belegt in den beiden Bänden der Geschichte von Friesdorf. Die NS-Zeit ist mit 26 Stationen ausführlicher dargestellt.

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Band I · Kapitel 1 · 2 Stationen

Römerzeit bis 500

Friesdorf in der Römerzeit

  1. spätestens 2. Jh. n. Chr.

    Ein römisches Landgut an der Arndtruhe

    Auf der Mittelterrasse über dem Kluftertal stand spätestens seit dem 2. Jahrhundert eine römische Villa rustica – ein Landgut von rund 3000 m² im Versorgungsgürtel der Bonner Legion.

    Band I · Kapitel 1

    Friesdorf lag damals im Süden der Provinz Germania inferior, etwa sechs Kilometer südlich des Bonner Legionslagers. Seit 1876/86 wurde die Villa in fünf Grabungen untersucht. Sie besaß eine Badeanlage, einen zentralen Hof, ein Obergeschoss in Fachwerk und wohl einen Keller. Ein besonderes Stück ist eine 2,04 Meter hohe kannelierte Säule aus rotem Sandstein, die einst im Garten der Arndtruhe stand und später ins Landesmuseum Bonn kam.

  2. 241–244 n. Chr.

    Ein Weihestein für Kaiser Gordian III.

    Oclatius Sacerdos, ranghöchster Centurio der Bonner Legio I Minervia, lässt einen Weihestein für das Heil Kaiser Gordians III. und der Kaiserin Sabinia Tranquillina errichten.

    Band I · Kapitel 1

    Der Block aus Berkumer Trachyt misst 92 × 80 × 28 Zentimeter und war wohl die Basis einer Statue. Geweiht war er der Fortuna der Legion, nach heutigen Ergänzungen der stark verwitterten Inschrift auch weiteren Gottheiten. Jahrhunderte später diente er als Altar der Klufterkapelle. Wilhelm Dorow beschrieb ihn 1823; heute steht er im LVR-LandesMuseum Bonn. Dass die Kapelle auf einem römischen Heiligtum stand, ist nicht nachgewiesen.

    Ein vergleichbarer römischer Weihestein vom Niederrhein – nicht der Friesdorfer Stein.
    Ein vergleichbarer römischer Weihestein vom Niederrhein – nicht der Friesdorfer Stein. Foto: Axel Kirch, CC BY-SA 4.0

Band I · Kapitel 2 · 4 Stationen

Frühmittelalter 500–1000

Friesdorf im Frühmittelalter

  1. 7. Jh.

    Fränkische Gräber am Frankengraben

    Am Rand des alten Ortskerns liegt ein fränkisches Gräberfeld. Ein Grab mit Breitsax, Lanzenspitze und Messer datierte das Landesmuseum Bonn in das 7. Jahrhundert.

    Band I · Kapitel 2

    Funde kamen dort nach der Ortsüberlieferung schon 1881 und 1926/27 zutage, 1960 ein Grab mit dem Bruchstück eines silbernen Armrings und einem tönernen Spinnwirtel, 1969/70 weitere Gräber, teils mit Steineinfassung. In den Fundberichten heißt die Straße noch Kirchhofgrabenweg. Der Ortsname Fritigesdorp, „Dorf des Fritigis“, geht auf einen fränkischen Personennamen zurück; die Siedlung ist wahrscheinlich im 6. oder 7. Jahrhundert entstanden.

  2. 722/23

    Erste Erwähnung: Fritigestorp und Godenesberg

    In einer Urkunde aus dem zweiten Regierungsjahr König Theuderichs IV. erscheint Friesdorf als „Fritigestorp“ zum ersten Mal – gemeinsam mit Godesberg, das damit ebenfalls seine älteste Erwähnung erhält.

    Band I · Kapitel 2

    Die Urkunde selbst ist verloren. Erhalten blieb nur ein Auszug mit den Ortsnamen, den der Kölner Patrizier Johann Helman um 1570 aus dem Kopialbuch des Bonner Cassiusstifts abschrieb – bevor dessen Archiv 1587 im Truchsessischen Krieg weitgehend unterging. Der Auszug beginnt mit den Worten „In pago Bonnensi in villa quae dicitur Fritigestorp“: im Bonner Gau, in einem Dorf, das Fritigestorp genannt wird. Wer was an wen schenkte, ist nicht mehr bekannt.

  3. 819–841

    Alvard schenkt einen Friesdorfer Weinberg

    Der Laie Alvard schenkt der Bonner Remigiuskirche einen Weinberg „in der Gemarkung, die Fristorp genannt wird“ – der älteste Beleg für Weinbau in Friesdorf.

    Band I · Kapitel 2

    Die Urkunde ist die älteste vollständig überlieferte Nennung Friesdorfs. Datiert ist sie über die Amtszeit des Kölner Erzbischofs Hathabald (819–841). Die beschenkte Remigiuskirche hing vom Bonner Cassiusstift ab; Alvard sicherte sich mit der Gabe das fortwährende Gedenken im Gottesdienst. Der Weinbau blieb für den Friesdorfer Talhang bis weit in die Neuzeit prägend; Flurnamen wie „Overmar“ oder „hinter Crochter Capellen“ erinnern daran.

  4. 21. April 956

    Otto I. bestätigt Gandersheim den Hof Crucht

    Eine Urkunde Ottos I. bestätigt dem sächsischen Frauenstift Gandersheim seinen Besitz Crucht – die erste sichere Nennung des späteren Klufterhofs.

    Band I · Kapitel 3

    Wann und wie der Hof an das Stift am Harz kam, lässt sich aus den Quellen nicht klären. Die verbreitete Erzählung, König Arnulf habe ihn 899 verschenkt und Otto I. dies 947 bestätigt, ist durch die erhaltenen Urkunden nicht gedeckt. Am 16. Juni 1206 bestätigte Papst Innozenz III. dem Stift erneut die Besitzungen Crucht, Calchem und Bliterstorph mit ihren Kirchen und Weinbergen.

Band I · Kapitel 3 · 8 Stationen

Hochmittelalter 1000–1350

Friesdorf im Hochmittelalter

  1. 1139

    Wolframmus, der erste Ritter von Friesdorf

    Als Zeuge in einer Urkunde Erzbischof Arnolds I. von Köln erscheint Wolframmus de Friderichstorp – der älteste bekannte Ritter, der sich nach Friesdorf nennt.

    Band I · Kapitel 3

    Mit ihm beginnt eine Reihe von Urkunden, in denen Angehörige dieser Niederadelsfamilie über zwei Jahrhunderte auftreten: als Zeugen, als Wohltäter des Klosters Rolandswerth auf Nonnenwerth und als Vögte über Güter in Crucht und Plittersdorf. Der letzte Träger des Rittertitels, Rutgerus, ist 1328 belegt. Ihren Sitz hatte die Familie mit großer Wahrscheinlichkeit im Turmhaus.

  2. 12. Jh.

    Das Turmhaus – romanischer Bau, wohl Rittersitz

    Das Turmhaus an der Annaberger Straße, im Volksmund „Die Burg“, stammt nach dem Kunstdenkmäler-Inventar aus dem 12. Jahrhundert; es war wohl der Sitz der Ritter von Friesdorf.

    Band I · Kapitel 3wahrscheinlich

    Paul Clemen beschrieb den Bau als romanisch: Bruchstein, Basalt in Fundament und Sockel, rundbogige Fenster mit Tuffeinfassung. Im Keller fand er Reste, die von einem noch älteren Bau herzurühren scheinen. Die Jahreszahl 1777 am Torweg bezeichnet eine spätere Umgestaltung, keinen Neubau. Ab 1387 war das Haus Lehen der Abtei Siegburg. Das 2004 eingeführte Ortswappen zeigt das Turmhaus als Sitz der Friesdorfer Ritter.

    Das Turmhaus in Friesdorf, um 1900.
    Das Turmhaus in Friesdorf, um 1900. Archiv Andreas H. Giersberg
  3. 1167

    Ein verwahrlostes Gut wird neu verpachtet

    Propst Conrad vom Kölner Stift St. Severin findet in „Friderichesdorp“ ein verwahrlostes Gut und setzt zwei Pächter ein – der eine Ursprung des späteren Klufterhofs.

    Band II · Kapitel 11

    Heidenricus und Bertheit mussten jährlich zur Herbstzeit je zwei Ohm Wein „vom besten, der auf diesem Gut wächst“ in den Keller der Brüder liefern. Die Urkunde ist die älteste Friesdorf betreffende im Heisterbacher Urkundenbuch, entstanden 22 Jahre vor der Gründung der Abtei Heisterbach. Die Klosterarchivare führten sie später unter dem Klufterhof. 1203 gelangte das Gut durch einen Tausch an Heisterbach.

  4. 1219–1223

    Neun Jahre im Bann: ein Wunderbericht

    Der Heisterbacher Mönch Caesarius erzählt in seinem „Dialogus miraculorum“ von den Bewohnern des Cruchterhofs, die unschuldig aus der Kirche ausgeschlossen worden seien.

    Band I · Kapitel 3

    Neun Jahre lang hätten sie geduldig keine Kirche besucht; beim Einkaufen legten sie stumm das Geld hin und zeigten auf die Ware. In dieser Zeit, so Caesarius, sei dort niemand geboren worden und niemand gestorben. Als Tatsachenbericht taugt die Wundererzählung nicht. Sie zeigt aber, dass der Hof um 1220 im Kloster Heisterbach bekannt war und seine Bewohner der Bonner Geistlichkeit unterstanden.

  5. Oktober 1245

    Ritter Wigand gibt die Vogtei auf

    Ritter Wigand von Friesdorf gibt die Vogtei über Crucht mit der alten Rechtsgeste der Stabhaltung an seinen Lehnsherrn zurück. Damit ist der Hof vollständig vogteifrei.

    Band II · Kapitel 11

    Der Lehnsherr Lothar von Wickrath überließ die Vogtei sogleich der Abtei Heisterbach – gegen acht Ohm Wein jährlich auf ewig. Schon 1200 hatte Heisterbach die Vogteirechte Heinrichs von Friesdorf abgelöst. Für die Ritterfamilie bedeutete der Schritt den Verlust ihres wichtigsten wirtschaftlichen Ankers in der Gemarkung. Den Hof selbst hielt Heisterbach seit 1207 als Lehen des Stifts Gandersheim.

  6. 1. Mai 1318

    Verkauft für 50 Pfund französische Turnosen

    Äbtissin Sophia von Gandersheim verkauft den Cruchterhof endgültig an die Abtei Heisterbach – für 50 Pfund große Turnosen des Königs von Frankreich.

    Band II · Kapitel 11

    Seit dem 3. Februar 1207 hatte Heisterbach den Hof als Lehen gegen jährliche Weinabgaben bewirtschaftet; nun wurde die Abtei Eigentümerin und blieb es bis zur Säkularisation. Mit dem Erlös kaufte Gandersheim die benachbarte Burg Gandersheim – Geld aus dem Rheinland floss so ins sächsische Kernland des Stifts. Dass beide Seiten in französischer Silberwährung rechneten, zeigt die Einbindung des Rheinlands in den europäischen Zahlungsverkehr.

  7. Mitte 14. Jh.

    Ein gotisches Kreuz an der Heerstraße

    Wo die Heerstraße Bonn–Koblenz den Weg von Friesdorf nach Plittersdorf kreuzt, entsteht das Hochkreuz. Seine Bauformen gehören der Gotik der Mitte des 14. Jahrhunderts an.

    Band II · Kapitel 13wahrscheinlich

    Die Überlieferung schreibt die Stiftung dem Kölner Erzbischof Walram von Jülich (1332–1349) zu – gestützt allein auf eine 1499 gedruckte Chronik; eine unabhängige Quelle dafür ist nicht bekannt. Sicher erwähnt wird das rund acht Meter hohe Trachytkreuz erstmals 1445. Bis zu seiner Versetzung 1956/57 stand es auf Friesdorfer Gemarkung. Sagen erzählen von Sühne für eine Bluttat, etwa durch einen Friesdorfer Edelmann „von Hochkirchen“ – historisch belegt ist davon nichts.

  8. 28. Januar 1349

    Die letzte Spur der Familie von Friesdorf

    Bela, Tochter des verstorbenen Dederich van Vriestorp, verkauft mit ihrer Tochter Metze einen Erbzins an einen Bonner Bürger. Danach verschwindet die Familie aus der Überlieferung.

    Band I · Kapitel 3

    Belastet wurden unter anderem ein Weingarten „in der Marvlachten“ und ein Haus zu Friesdorf – „Marvlachten“ ist zugleich der älteste urkundlich belegte Friesdorfer Flurname. Einen männlichen Erben nennt die Urkunde nicht; schon seit 1328 erscheint kein Ritter von Friesdorf mehr. 1349 erreichte die Pest das Rheinland. Ob sie zum Erlöschen der Familie beitrug, lässt sich ohne weitere Quellen nicht klären.

Band I · Kapitel 4 · 6 Stationen

Spätmittelalter 1350–1600

Friesdorf im Spätmittelalter

  1. um 1378

    Servatiuskapelle am Klufterhof erstmals genannt

    Im „Liber valoris“ der Erzdiözese Köln erscheint um 1378 eine „Capella sancti Servacii zu Erucht“ beim Klufterhof – die spätere Klufterkapelle.

    Band II · Kapitel 16

    Über Jahrhunderte standen in Friesdorf zwei dem heiligen Servatius geweihte Kirchen: die Pfarrkirche am Turmhaus mitten im Dorf und die Kapelle am Ausgang des Kluftertals. Die Kapelle war Ziel einer Wallfahrt am Servatiustag, dem 13. Mai, und besaß im 14. Jahrhundert eigene Weingärten. Eine in der Lokalliteratur genannte Erwähnung um 1300 ist bislang an keiner Urkunde nachgewiesen.

  2. 1387

    Johann Schall von Bell erhält den Turmhof

    Das Turmhaus geht als Lehen der Abtei Siegburg an Johann Schall von Bell – die erste bekannte Belehnung nach dem Verschwinden der Ritter von Friesdorf.

    Band I · Kapitel 4

    Johann war nach Berchem ein streitbarer Mann: 1415 lag er mit Christian von Zwingenberg in Fehde, 1419 zog er mit Sohn und Neffen gegen die Stadt Köln, deren Söldner daraufhin sein Burghaus Vorst bei Frechen niederbrannten. 1421 soll er gestorben sein. Der Hof blieb über Generationen bei seiner Familie und bis zur Säkularisation Siegburger Lehen.

  3. 2. November 1562

    Sechs Friesdorfer legen neue Weinberge an

    Peter Scheefer, Lentzen Johan, Peter Murrer, Tewes Schwalff, Peter Aloffs und Johan des langen Telen Sohn erhalten Heide- und Buschland, um daraus Weinberge zu machen.

    Band II · Kapitel 11

    Das Land lag „oben der Croichter kirchen an der Steinkoulen“, oberhalb der Klufterkapelle bei einer Steingrube. Die sechs Männer mussten es binnen vier Jahren zu Weinbergen anlegen und jährlich auf Martini acht Raderalbus je Viertel in den Cruchterhof der Abtei entrichten. Die Urkunde ist die erste namentliche Bewohnerliste Friesdorfs und zeigt den Hof als Sammelstelle der Heisterbacher Abgaben.

  4. 7. Juni 1580

    Erste Bergwerks-Belehnung am „Putzbergh“

    Erzbischof Gebhard Truchseß von Waldburg belehnt die Kölner Bürger Friedrich Hutten und Philipp Fuerde mit Bergwerken „bey vnnserm Dorff Friestorff In dem Putzbergh“.

    Band II · Kapitel 15

    Die Urkunde ist der älteste Beleg für Bergbau am Pützberg, mehr als zwei Jahrhunderte vor der üblichen Datierung 1807/09. Sie berichtet, dass schon unter einem Vorgänger Gebhards dort Bergwerke angefangen worden, dann aber ungebaut liegen geblieben waren. Ihre Erzliste folgt dem üblichen Formular; Alaun, Vitriol und Steinkohle wurden am Pützberg später tatsächlich gewonnen. Ob Hutten und Fuerde dort wirklich Bergbau trieben, ist offen.

  5. 1583–1589

    Im Kölnischen Krieg brennt der Cruchterhof nieder

    Im Truchsessischen oder Kölnischen Krieg brennt der Cruchterhof nieder – wie die Abtei Heisterbach und ihre Höfe in Königswinter und Plittersdorf. Das genaue Jahr ist nicht überliefert.

    Band I · Kapitel 4

    Erzbischof Gebhard Truchseß von Waldburg wollte das Erzstift Köln protestantisch machen; Truppen beider Seiten zogen durch das Land. 1583 wurde die Godesburg gesprengt und erstürmt, 1587/88 um Bonn gekämpft. Friesdorf selbst nennen die gedruckten Kriegsquellen nicht. Den Brand bezeugt eine Heisterbacher Urkunde von 1598: Die Höfe seien „in grundt abgebrandt“. Wann der Hof wieder aufgebaut wurde, ist nicht überliefert.

  6. 1595–1601

    Ein Friesdorfer Junker im Düsseldorfer Hofskandal

    Dietrich von Hall zu Uphoven, Sohn eines Junkers mit Hof in Friesdorf, wird einer Affäre mit Herzogin Jakobe von Baden bezichtigt – mitten im Machtkampf am Düsseldorfer Hof.

    Band I · Kapitel 4

    Der Kölner Chronist Hermann Weinsberg hielt das Gerücht 1595 fest. Jakobe starb 1597 unter ungeklärten Umständen. In Verhören 1599 und 1601 gab Dietrich den Ehebruch zu; nach dem Aktenbefund ist nicht auszuschließen, dass das Geständnis erpresst war. Er wurde zu 5000 Goldgulden verurteilt, für die sein Vater bürgen musste, und „für ewige Zeiten aus dem Reiche verbannt“, mit der Auflage, nach Indien oder Amerika zu reisen.

Band I · Kapitel 5 · 7 Stationen

Barock & Aufklärung 1600–1800

Friesdorf zwischen Barock und Aufklärung

  1. 1669

    Feuer, Tür und Kesselhaken: ein Rechtsritual

    Am 23. und 24. September 1669 nehmen Siegburger Abteibeamte zwei Friesdorfer Adelshöfe in einem alten Rechtsritual in Besitz. Unter den Zeugen: Johann Giersberg, Einwohner zu Friesdorf.

    Band I · Kapitel 5

    Ein Bonner Notar protokollierte jeden Schritt auf dem Binsfelder Hof: Gattertür auf und zu, Haustür auf- und zugeschlossen, Feuer entzündet und gelöscht, den Kesselhaken bewegt, den Topf abgenommen. Die Herren blieben über Nacht, am Morgen folgten Weingärten und Parzellen; auf dem Marienforster Hof brach man einen Zweig von einem jungen Nussbaum ab. So wollte die Abtei Siegburg ihre Lehnsrechte durchsetzen. Johann Giersberg ist der älteste gesicherte Beleg eines Friesdorfer Giersberg.

  2. um 1675

    Kohle gesucht, Torf gefunden

    Um 1675 lässt Kurfürst Maximilian Heinrich am Pützberg, dem heutigen Annaberg, nach Steinkohle schürfen. Gefunden wird nur Torf – die Arbeiten werden eingestellt.

    Band I · Kapitel 5wahrscheinlich

    Holz aus dem Kottenforst durfte nur mit Genehmigung des Kurfürsten geschlagen werden. Bergwerke am „Putzbergh“ sind schon 1580 bezeugt. Um 1750 ließ das Kloster Marienforst am selben Berg Torf und Braunkohle stechen und holte dafür Arbeiter aus Liblar; wegen des geringen Ertrags gab es auch diesen Versuch bald wieder auf. Die Suche nach Bodenschätzen am Pützberg führte schließlich 1809 zum Alaunwerk.

  3. 1748–1750

    Neues Kirchenschiff am alten Turm

    1748 bis 1750 erhält die baufällige Friesdorfer Pfarrkirche neben dem Turmhaus ein neues Schiff; der alte romanische Turm bleibt stehen.

    Band I · Kapitel 5

    Die Gemeinde gab 400 Taler, Pfarrer Leutzen 120 Malter Kirchheimer Kalk; den Rest der Kosten trug das Bonner Cassiusstift. Auf dem Kirchhof stand ein hohes Steinkreuz von 1742, das der Schöffe Leonardus Offenberg, Halfmann des Klufterhofs, und seine Frau Anna Catarina Baugs errichten ließen. Es blieb stehen, als man den Kirchhof 1888 einebnete, und steht heute im Garten des Hauses Im Bachele 1b.

  4. 1776/1777

    Der Minister kauft den Turmhof

    1776 kauft der kurkölnische Staatsminister Kaspar Anton von Belderbusch den Turmhof für 10.000 Taler. Über dem großen Torweg steht seitdem die Jahreszahl 1777.

    Band I · Kapitel 5

    Den Lehnbrief stellte die Abtei Siegburg am 10. Januar 1777 aus. Belderbusch, der bestimmende Politiker Kurkölns, wohnte in Bonn und kümmerte sich wenig um den Hof, der schon bauliche Mängel hatte; 1783 machte ihn der Besitz landtagsfähig. Mit dem Turmhof war das Recht verbunden, der Pfarrei einen Pfarrer vorzuschlagen – überliefert etwa für 1637, 1690 und 1766. Der Torbogen von 1777 ist heute Teil des Friesdorfer Ortswappens.

  5. 1794

    Die Klufterkapelle wird abgebrochen

    Die verfallene Servatiuskapelle am Klufterhof wird abgerissen. Dabei zeigt sich, dass ihr Altar ein wiederverwendeter römischer Weihestein war.

    Band I · Kapitel 1

    Die Kapelle bestand seit dem Mittelalter; im 16. Jahrhundert stritten Patron, Pfarrer und Gemeinde mit der Abtei Heisterbach um das Korn für zwei wöchentliche Messen dort. Wallfahrer verehrten den heiligen Servatius gegen die „Frieseln“, einen Hautausschlag. Der Standort blieb als „Kapellenplatz“ bekannt. Ob die Kapelle auf einem römischen Heiligtum stand oder den Stein nur wiederverwendete, ist ohne Grabung nicht zu entscheiden.

  6. 1794

    Die Franzosen kommen – Kurköln endet

    Im Spätherbst 1794 besetzen französische Revolutionstruppen das linke Rheinufer. Kurkölnische Herrschaft und altes Lehnswesen enden; 1798 kommt Friesdorf zum Rhein-Mosel-Departement.

    Band I · Kapitel 6

    Bonn wurde Hauptort eines Arrondissements, zu dem Godesberg und Friesdorf gehörten. Die Lehnsbindung des Turmhofs an die Abtei Siegburg, mehr als 400 Jahre alt, war faktisch erloschen. Die Kriegslasten stiegen massiv; ein Pachtbrief für den Klufterhof vom 22. Februar 1798 senkte deshalb die Abgaben. Nach dem Wiener Kongress kam das Rheinland an Preußen: Von 1815 bis 1904 gehörte Friesdorf zur Bürgermeisterei Godesberg im Kreis Bonn.

  7. 15. Juli 1796

    Notverkauf für 20.000 Reichstaler – nicht anerkannt

    Bedrängt von Krieg, Plünderungen und der Beschlagnahme ihrer linksrheinischen Einkünfte verkauft die Abtei Heisterbach den Klufterhof an die Bonnerin Elisabeth Schumacher. Die Franzosen erkennen den Verkauf nicht an.

    Band II · Kapitel 11

    Seit dem Spätherbst 1794 hielten französische Truppen das linke Rheinufer besetzt. Im Kaufbrief klagt das Kloster über Kriegskosten, Kontributionen und dreimalige Plünderung durch die Franken. Elisabeth Schumacher zahlte drei Viertel des Preises sofort, erhielt aber keinen gültigen Eigentumstitel; eine Randnotiz vermerkt: „Der Verkauf wurde von den Franzosen nicht anerkannt.“ Mit dem Frieden von Lunéville 1801 und dem Konsularbeschluss von 1802 fiel der Hof an den französischen Staat.

Band I · Kapitel 6 · 15 Stationen

Preußen & Industrie 1800–1914

Friesdorf zwischen Preußenzeit und Industrialisierung

  1. 1802/1803

    Säkularisation: Ende der Klosterherrschaft

    Mit dem Reichsdeputationshauptschluss vom 25. Februar 1803 werden geistliche Territorien und Klosterbesitz aufgehoben. Die Abtei Heisterbach, Grundherrin des Klufterhofs, wird aufgelöst.

    Band I · Kapitel 6

    Um 1800 zählte Friesdorf 404 Einwohner, die meisten arbeiteten im Taglohn. Mindestens 17 Grundherren und Zinsberechtigte hatten ihr Leben bestimmt – keiner von ihnen wohnte im Ort. Von der Säkularisation profitierten die Friesdorfer kaum: Die großen Liegenschaften gingen meist geschlossen an Käufer mit Barkapital. Den Klufterhof bewirtschaftete weiter die Pächterfamilie Birkhäuser; wann sie das Eigentum erwarb, ist nicht geklärt.

  2. 26. März 1807

    Versteigerung des Pützbergs: Beginn des Alaunwerks

    Theodor Quinck aus Bonn und Joseph Schmitz aus Koblenz ersteigern den Pützberg für 2.200 Francs. Daraus entsteht eines der größten frühindustriellen Werke des Rheinlands.

    Band II · Kapitel 15

    Nach dem Konzessionsgesuch vom Juni 1808 und der Gewerbekonzession vom 15. August 1809 begann der industrielle Betrieb der Firma Quinck & Cie. Den Alaungehalt der Lagerstätte wies der junge Mineraloge Jakob Nöggerath nach; Teilhaber und Direktor des Werks war sein Vater Karl. Mit dem Décret Impérial vom 26. Dezember 1813 verlieh Napoleon die Konzession über zwölf Quadratkilometer. Die Vornamen der Käufer lebten in den Tagebau-Namen „Theodorswunsch“ und „Josephs-Zufriedenheit“ fort.

    Friesdorf und der Pützberg vor dem Bau des Alaunwerks, Kartenaufnahme 1808/09.
    Friesdorf und der Pützberg vor dem Bau des Alaunwerks, Kartenaufnahme 1808/09. Datenlizenz Deutschland – Zero 2.0
  3. 1817

    William Turner malt das Hochkreuz

    1817 hält der englische Maler William Turner auf seiner ersten Rheinreise das Hochkreuz fest – inmitten von Feldern, im Hintergrund die Godesburg.

    Band II · Kapitel 13

    Das Aquarell zeigt einen Soldatentross auf der Koblenzer Straße, der die Größe des Pfeilers sichtbar macht. Mit den Beschreibungen von Mastiaux (1783) und Huepsch (1789) hatte die Wiederentdeckung des Kreuzes begonnen; nach Reisen 1821 und 1823 verbreitete Samuel Prout Hochkreuz-Bilder unter englischen Rheinreisenden. 1829 gab Oberpräsident Karl von Ingersleben den Anstoß zur ersten Konservierung. Turners Blatt ist heute im LVR-LandesMuseum Bonn zu sehen.

  4. 1827

    Drei Tage Tanzmusik zur Kirmes

    Im Bonner Wochenblatt vom 13. Mai 1827 lädt der Wirt Meunier zur Friesdorfer Kirmes ein – drei Tage Tanzmusik in einem neu erbauten Saal. Es ist der älteste bekannte Beleg des Festes.

    Band I · Kapitel 6

    Die Servatius-Kirmes zum Patronatsfest am 13. Mai war schon 1827 ein mehrtägiges Fest von Sonntag bis Dienstag. In den folgenden Jahren luden auch andere Wirte ein, etwa Johann Vershoven; das Gasthaus Vershoven am Waasem bestand seit 1793. Im Sommer gab es eine zweite, kleinere Kirmes: das Margaretenfest um den 20. Juli. 1908 fuhr die Dampfbahn an Kirmestagen mit doppelter Zugzahl.

  5. 1836

    Alaunwerk am Pützberg mit 200 Beschäftigten

    Auf seinem Höhepunkt 1836 beschäftigt das Werk etwa 200 Personen – Friesdorf selbst zählte um 1830 rund 700 Einwohner.

    Band II · Kapitel 15

    Drei Tagebaue von je Fußballfeldgröße und bis zu zehn Meter Tiefe, Laugenkästen, Siederei und „Krystallisations=Gebäude“ bildeten eine große Manufaktur, die ohne Dampfkraft arbeitete; das Werk gehörte zu den vier führenden Alaunhütten der Rheinprovinz. Aus der erdigen Braunkohle formte man außerdem Klütten, handgeformte Brennziegel. Die benachbarten Dottendorfer nannten die Friesdorfer daraufhin „Friesdorfer Klütten“.

    Alaunsiede-Vorrichtung zu Friesdorf, 1824.
    Alaunsiede-Vorrichtung zu Friesdorf, 1824. gemeinfrei
  6. 20. November 1842

    Brüder Wolter brauen Bier am Felsenkeller

    Eine Anzeige im „Bonner Wochenblatt“ nennt die „Gebr. Nicola u. Anton Wolter, Bierbrauer“ am Felsenkeller bei Friesdorf – der früheste Pressebeleg der Brauerei am Klufterbach.

    Band II · Kapitel 14

    Bereits von 1812 stammt die überlieferte Felsenkeller-Inschrift „N. Wolter, Bonn. 1812.“. Die in den Hang geschnittenen Keller kühlten das Bier, das Wasser kam aus dem Klufterbach, den Hopfen bauten die Wolters im Vorgebirge an. Das bisher genannte Gründungsjahr 1855 markiert vermutlich eine spätere Konsolidierung; danach führte Anton Wolter den Betrieb allein. Nach der Familienüberlieferung trafen sich in der Waldschenke Bonner Akademiker um Ernst Moritz Arndt.

  7. 1855/1856

    Die Eisenbahn fährt vorbei

    Am 15. Oktober 1855 geht die Bahn von Bonn nach Rolandswerth in Betrieb, im Januar 1856 bis Rolandseck. Sie führt östlich an Friesdorf vorbei – eine eigene Station erhält das Dorf nicht.

    Band I · Kapitel 6

    Stationen zwischen Bonn und Rolandseck waren nach dem ersten Fahrplan nur Godesberg und Mehlem. Wichtig für die Friesdorfer Pendler wurde erst die Dampfstraßenbahn Bonn–Godesberg, eröffnet am 22. Mai 1892 entlang der Bonner Straße; ab 1911 fuhr sie elektrisch, und im selben Jahr entstand in Friesdorf ihr Betriebshof. Viele Zuwanderer arbeiteten in Bonner und Poppelsdorfer Betrieben und wohnten wegen der niedrigeren Mieten in Friesdorf.

  8. 1859

    Mansarddach statt Abriss

    1859 hält ein Gutachter die Reparatur des baufälligen Turmhofs für kaum lohnend. Die Erben Karl von Boeselagers lassen ihn dennoch instand setzen – mit einem Mansarddach.

    Band II · Kapitel 12

    Seit 1834 gehörte der Turmhof Karl Freiherr von Boeselager; geerbt hatte er ihn über seine Frau Josephine von Belderbusch, ein Patenkind der Kaiserin Joséphine. Die Familie bewohnte den Hof nicht selbst. Herabfallende Schiefer des steilen Satteldachs gefährdeten Passanten, das Bürgermeisteramt Godesberg verlangte Abhilfe. Der Mieter musste zusichern, bei Reparatur oder Abbruch ohne Entschädigung auszuziehen. Das neue Mansarddach hielt bis 1944.

    Das Turmhaus mit dem Mansarddach, um 1910.
    Das Turmhaus mit dem Mansarddach, um 1910. Archiv Andreas H. Giersberg
  9. 1859

    Der Dombaumeister erneuert das Hochkreuz

    1859 wird das Hochkreuz nach Zeichnungen des Kölner Dombaumeisters Ernst Friedrich Zwirner durchgreifend erneuert – im Geist der Neugotik.

    Band II · Kapitel 13

    Im 18. Jahrhundert waren nur noch einige verstümmelte Statuen zu sehen; Huepsch erkannte 1789 Schäden durch Kanonenkugeln. Das alte eiserne Kreuz auf der Spitze war schon 1842 ins Bonner Museum gekommen, an seine Stelle trat nun eine Kreuzblume. Neue Figuren aus Burgsandstein – Christus, Johannes der Täufer, zwei Engel – schuf der Bildhauer Christian Mohr. Das Kreuz wirkte danach vollständiger, trägt aber nur noch teilweise mittelalterliche Substanz.

  10. 1880

    Die erste Raiffeisenbank im Landkreis Bonn

    Am 4. Juli 1880 wird in Friesdorf der Spar- und Darlehnskassenverein gegründet – die erste Raiffeisenbank im ganzen Landkreis Bonn.

    Band I · Kapitel 6

    Gründer war Martin Faßbender, damals Student im letzten Semester, später Professor und Reichstagsabgeordneter. Er gewann zuerst den Gutsbesitzer Josef Peters vom Klufterhof, der Vorsitzender wurde; nach etwa einem Monat waren rund vierzig Mitglieder beisammen. Die Kasse gab Kredit an Kleinbauern, Handwerker und Tagelöhner und kaufte gemeinsam Kohlen, Saatgut und Dünger ein – 1881 kamen dreißig Waggon Kohlen nach Friesdorf. Der Friesdorfer Zweig gilt als ältester Gründungszweig der heutigen VR-Bank.

  11. 1886–1891

    Neugotische Pfarrkirche St. Servatius entsteht

    An der Annaberger Straße entsteht nach Entwurf der Bonner Firma Becker & Böhm eine dreischiffige neugotische Hallenkirche; die alte Pfarrkirche am Turmhaus wird 1888 abgebrochen.

    Band II · Kapitel 16

    Am Kirmesmontag, dem 17. Mai 1886, wurde der Grundstein gelegt. Am Patronatsfest, dem 13. Mai 1888, benedizierte Dechant Neu aus Bonn die Kirche, die seither als Pfarrkirche diente. Am 20. Juli 1891 konsekrierte Weihbischof Antonius Fischer, später Erzbischof von Köln und Kardinal, die Kirche und ihre drei Altäre. Die größte Glocke, der heiligen Margareta geweiht, kam 1888 von der Glockengießerei Otto in Hemelingen bei Bremen.

    Der Innenraum der Pfarrkirche St. Servatius, um 1921.
    Der Innenraum der Pfarrkirche St. Servatius, um 1921. Archiv Andreas H. Giersberg
  12. 1886

    Schluss mit Rauch und Gestank

    Im Februar 1886 endet nach fast achtzig Jahren die Alaunerzeugung. Das Tonlager war erschöpft, die Herstellungsweise veraltet und nicht mehr lohnend.

    Band I · Kapitel 6

    Ab 1841 war der Abbau nach Schweinheim verlegt worden, die Verarbeitung in eine neue Hütte am Fuß des Berges zwischen Klufterhof und Godesberg. Dichter Rauch und scharfer Geruch des Siedebetriebs waren bei Südwind bis nach Bonn lästig gewesen. In den Gebäuden arbeitete bis 1898 eine chemische Fabrik; 1890 verzichteten die Erben Brande auf das Bergwerkseigentum. Mit dem Werk endete auch eine eigene Schicht Friesdorfer Bergleute.

    Die Godesberger „Alaun Hütte“ im Messtischblatt Godesberg, 1892–1899.
    Die Godesberger „Alaun Hütte“ im Messtischblatt Godesberg, 1892–1899. Landesarchiv NRW, CC BY-SA 4.0
  13. 1901

    Das „Klösterchen“ öffnet seine Türen

    Am 2. Juli 1901 wird die Kinderbewahrschule Paula-Maria-Stift drei Dernbacher Schwestern übergeben. Gestiftet hat sie Eugen Pfeifer vom Gut Annaberg; am ersten Tag kommen 110 Kinder.

    Band I · Kapitel 6

    In vielen Friesdorfer Familien mussten alle Erwachsenen außerhalb des Ortes arbeiten, doch die Gemeinde konnte eine Kinderbewahrschule nicht bezahlen. 1899 stellte der Kölner Zuckerfabrikant Pfeifer 10.000 Mark bereit und beschaffte das Grundstück. Das Haus, nach seiner Frau benannt, erhielt als erstes in Friesdorf fließendes Wasser. Die Schwestern betreuten Kleinkinder, gaben Mädchen Handarbeitsunterricht und pflegten Kranke und Arme; im Volksmund hieß das Stift „Klösterchen“.

  14. 1904

    Friesdorf wird Teil von Godesberg

    Am 30. Juni 1904 genehmigt Kaiser Wilhelm II. die Eingemeindung. Mit dem 1. Juli 1904 endet die Selbständigkeit Friesdorfs nach mehr als tausend Jahren urkundlich belegter Geschichte.

    Band I · Kapitel 6

    Wasserleitung, Gasnetz und Kanalisation hatten die Landgemeinde überfordert: 1902 betrugen die Schulden das 4,4-Fache des Jahresetats, die Gemeindesteuer lag bei 160 Prozent. Am 1. Dezember 1902 unterzeichneten zwölf Bürger um Gemeindevorsteher Josef Peters den Antrag an Godesberg; eine Gegenschrift warb 1903 für die Selbständigkeit. Der Vertrag vom 10. Oktober 1903 regelte Steuern und Kanalanschluss. Nach der Überlieferung erhielt Peters die Verfügung am Eingang des Klufterhofs.

    Der alte Klufterplatz, um 1904.
    Der alte Klufterplatz, um 1904. Verlag Ferdinand Koll · Archiv Andreas H. Giersberg
  15. 20. März 1909

    Arndt-Museum in der Arndtruhe eröffnet

    Im Hotel-Restaurant „Arndtruhe“ am Klufterbach wird ein „historisches Arndtzimmer“ eingeweiht, angeregt von dem Schriftsteller Joseph Lauff.

    Band II · Kapitel 14

    Das Lokal war aus der Waldschenke der Wolter’schen Brauerei hervorgegangen. Joseph Loevenich, Schwiegersohn der Mina Wallraff geb. Wolter, übernahm es zwischen Juli 1902 und Mai 1903 und baute es zur Hotelgaststätte aus. Der Name „Arndtruhe“ ist schon 1903 belegt, stammt also nicht von Lauff. Gegründet haben das Museum Loevenich und seine Frau Maria. 1921 verkaufte Loevenich seine Arndt-Erinnerungsstücke an die Stadt Bonn.

Band I · Kapitel 7 · 7 Stationen

Weltkrieg & Weimar 1914–1933

Friesdorf im Ersten Weltkrieg und in der Weimarer Republik

  1. 1914–1918

    Lazarett im Stift, Gefallene im Dorf

    Im Oktober 1914 nimmt das Paula-Maria-Stift als Lazarett die ersten Verwundeten auf. Bis Kriegsende verzeichnet die Schulchronik hundert katholische und fünf evangelische Gefallene aus Friesdorf.

    Band I · Kapitel 7

    Schon bis Ende November 1914 waren 23 Friesdorfer gefallen. Stifter Eugen Pfeifer stellte 20 Betten und trug die Kosten; 1915 wurden dort 157 Soldaten gepflegt, und die Stiftsküche gab täglich rund 200 Portionen Suppe aus. Schulkinder gruben eine Gemeindewiese für Kriegerfrauen um und sammelten Altmetall, Brennnesseln und Obstkerne. Ab November 1915 galten dienstags und freitags fleischlose Tage; 1917 musste St. Servatius zwei Glocken und die Orgelpfeifen abgeben.

  2. 1918/1919

    Kanadier in Schul- und Tanzsälen

    Nach Kriegsende quartieren sich kanadische Fußtruppen und eine Maschinengewehrabteilung in Friesdorfer Schul- und Tanzsälen ein. Die Bewohner müssen überzählige Betten abliefern.

    Band I · Kapitel 7

    Am 4. Februar 1919 rückten die Kanadier ab; eine englische Batterie folgte und zog im Juni wieder ab, nur ihr Stab blieb auf Schloss Annaberg. Der Unterricht fiel bis zum 12. Januar 1919 aus. Ab Februar 1920 lösten französische Truppen die Briten in Bonn ab. Als letzter Friesdorfer Kriegsgefangener kehrte am 14. Juli 1920 Heinrich Peters vom Klufterhof aus dem russischen Orenburg heim.

    Schloss Annaberg, um 1910.
    Schloss Annaberg, um 1910. Kupfertiefdruck Koll-Verlag · Archiv Andreas H. Giersberg
  3. 5./6. Juni 1921

    Glockenbazar finanziert drei neue Glocken

    Nachdem 1917 zwei Glocken für die Kriegsrüstung abgegeben werden mussten, erbringt ein Glockenbazar der Pfarrgemeinde 145.000 Mark Reinerlös.

    Band II · Kapitel 16

    Pfarrer Heinrich Rembold, seit Oktober 1919 in Friesdorf, veranstaltete den Bazar zusammen mit den Vereinen. Der Erlös reichte für drei neue Glocken aus Hemelingen, für elektrisches Licht, einen großen schmiedeeisernen Kronleuchter und neue Orgelpfeifen. Rembold hatte 1920 auch die Gastwirtschaft „Zum Hähnchen“ im Bachele als katholisches Vereinshaus erworben und unter dem Kirchturm eine Kriegergedenkstätte einrichten lassen.

    Glockenbazar in Friesdorf, 1921.
    Glockenbazar in Friesdorf, 1921. Foto: Josef Düren · Archiv Andreas H. Giersberg
  4. 1923

    Ausgewiesen: Friesdorfer Eisenbahner im Ruhrkampf

    Im März 1923 verhaften die Franzosen nach einem Anschlag auf die Eisenbahn 30 Eisenbahner, darunter mehr als 20 Friesdorfer. Am 14. April werden sie mit ihren Familien ausgewiesen.

    Band I · Kapitel 7

    Die Ausgewiesenen kamen nach Bad Salzuflen. Nach einem Sprengversuch am Godesberger Bahndamm verhängte die Militärregierung zweimal eine Woche Ausgehverbot von 19 bis 6 Uhr. Zugleich fraß die Inflation die Löhne: Ein Brötchen kostete in Friesdorf 60.000 Mark, ein einzelnes Brikett später 1,5 Millionen. Quäker aus den USA ermöglichten eine Schulspeisung für 50 Kinder, und am 1. August 1923 entstand die „Sterbenotgemeinschaft Friesdorf“.

  5. 1926

    Glockengeläut zum Ende der Besatzung

    In der Nacht zum 31. Januar 1926 läuten in Friesdorf zwischen 0 und 1 Uhr alle Kirchenglocken: Die Besatzungstruppen ziehen ab, am Montag ist schulfrei.

    Band I · Kapitel 7

    Nach den Verträgen von Locarno wurde die Kölner Zone, zu der Bonn und Godesberg gehörten, ab dem 30. November 1925 geräumt; Ende Januar 1926 zogen die letzten Truppen ab. Wenige Monate später, durch Erlass vom 10. Juni 1926, erhielt Godesberg die Genehmigung, den Namen „Bad Godesberg“ zu führen; zur Stadt erhoben wurde es erst 1935. Für Friesdorf, den nördlichen Ortsteil, änderte der Titel zunächst wenig.

  6. 1929

    Ein Dach für alle Friesdorfer Vereine

    Am 11. März 1929 konstituiert sich der Ortsausschuss Friesdorf als „Vertreterkörperschaft aller ortsansässigen Vereine“. Erster Vorsitzender wird Georg Bauerfeind.

    Band I · Kapitel 7

    Vorausgegangen waren 1922 eine Festgemeinschaft mehrerer Vereine und 1928 das Karnevalskomitee „Kleffbotze“. Im Ortsausschuss saßen Gesangvereine, Kirchenchor, Schützen, Turner, Fußballer – und der Ziegenzuchtverein, mit 180 Familien der zweitstärkste Verein im Dorf. Er übernahm Aufgaben, die früher der Gemeinderat hatte: Kirmes, Dorffeste, gemeinsame Anliegen. Die ersten Verhandlungen beherrschte ein Bus, der nur bis Dottendorf fuhr. Am 3. Februar 1937 löste die NSDAP den Ortsausschuss auf.

  7. 1932

    Zentrumshochburg: Friesdorf wählt gegen den Trend

    Bei der Reichstagswahl vom 31. Juli 1932 erhält die NSDAP in Friesdorf nur 11,0 Prozent – reichsweit wird sie mit 37,3 Prozent stärkste Kraft.

    Band I · Kapitel 7

    In Friesdorf kam das Zentrum auf 43,6 Prozent, die SPD auf 21,7, die KPD auf 18,6 Prozent. Im November 1932 fiel die NSDAP im Ort auf 8,7 Prozent, und selbst am 5. März 1933 erreichte sie nur 19,0 Prozent. Vorsitzender des Godesberger Zentrums war der Lehrer Joseph Roth, seit 1924 mit einer Friesdorferin verheiratet. Am 13. März 1933 erzwang eine SA-Abteilung seine Beurlaubung.

Band I · Kapitel 8 · 26 Stationen

NS-Zeit 1933–1945

Friesdorf in der NS-Zeit

Die zwölf Jahre der NS-Zeit zeigt der Zeitstrahl dichter als die übrigen Epochen. Fahren Sie mit der Maus über eine Station – oder tippen Sie sie an –, um die Einzelheiten zu lesen. Personen werden so genannt, wie es das Buch tut.

  1. 5./12. März 1933

    Letzte Wahlen: Friesdorf bleibt Zentrumsdorf

    Bei der Reichstagswahl am 5. März 1933 gewann in Friesdorf unangefochten das Zentrum mit 41,7 Prozent; die NSDAP kam mit 19,0 Prozent auf Rang 2.

    Band I · Kapitel 8

    Noch im Juli 1932 lag die NSDAP in Friesdorf mit 254 Stimmen (11,0 Prozent) nur auf Platz 4, hinter Zentrum, SPD und KPD; im November 1932 sank sie auf 8,7 Prozent. Nach dem Reichstagsbrand verloren die Kommunisten am 5. März 1933 gut 40 Stimmen, die NSDAP errang 470 Stimmen. Bei den Gemeinderatswahlen am 12. März 1933 lautete die Verteilung: Zentrum 47,7, NSDAP 19,6, SPD 18,6, KPD 9,2 Prozent. Die KPD, die mit dem Friesdorfer Franz Pick ins Gemeindeparlament einziehen wollte, ging leer aus: Die kommunistischen Stimmen „fielen unter den Tisch“, für viele KPD-Mitglieder begann die „Schutzhaft“.

  2. 13./14. März 1933

    SA besetzt das Rathaus, Alef übernimmt

    Am 13. März 1933 besetzte eine SA-Mannschaft das Godesberger Rathaus und erzwang die „Beurlaubung“ von Bürgermeister Zander. Am Tag darauf übernahm Heinrich Alef als Staatskommissar das Amt.

    Band I · Kapitel 8

    Auch an der Burgschule erschien eine SA-Abteilung von 20 bis 30 Mann und erzwang die Beurlaubung des Lehrers Joseph Roth, des Vorsitzenden der Godesberger Zentrumspartei. Der General-Anzeiger meldete am 14. März die Namen: Bürgermeister Zander, die Beigeordneten Fritzen und Voosen, Bürovorsteher Berresheim, Ingenieur Koll, Verwaltungsdirektor Gummersbach und Lehrer Roth. Koll sowie Gemeindevertreter von SPD und KPD kamen in „Schutzhaft“. Alef, seit 1930 NSDAP-Mitglied, wurde am 21. April 1933 förmlich zum Bürgermeister gewählt – in Abwesenheit der Stadtvertreter von SPD und KPD. Das Oberverwaltungsgericht Münster stellte 1956 fest, er sei Bürgermeister geworden, „weil er Nationalsozialist war“.

  3. 13. März 1933

    SPD-Arbeiter aus dem Godesia-Werk abgeführt

    Am selben 13. März 1933 holten „Nazibeauftragte“ die sozialdemokratisch organisierten Metallarbeiter aus dem Godesia-Werk an der Friesdorfer Straße, darunter drei Friesdorfer.

    Band I · Kapitel 8

    Werkmeister Werner Wichterich stellte sich vor seine Leute: Wenn man sie nicht in Arbeitskleidung haben wolle, blieben sie hier. Abgeführt wurden die Friesdorfer Caspar Emsbach, Toni Mentis und Johann Huth – zuerst in die Druckerei Hesseler, dann zum Arresthaus am Markt. Am Gasthaus „Ännchen“ klatschten übergelaufene KP-Leute Beifall. Am Abend kamen die drei frei, blieben aber für die Dauer der NS-Herrschaft überwacht. Jeden Donnerstag trafen sie sich im Hause Huth, solange der Krieg es erlaubte – der einzige dokumentierte Friesdorfer SPD-Freundeskreis. Ein Spitzel prüfte einmal, ob ein Hitlerbild noch an der Wand hing.

  4. April–Juli 1933

    Ortsausschuss und der Dorfplatz „Am Waasem“

    Am 4. April 1933 erklärte der Ortsausschuss der neunzehn Friesdorfer Vereine, es sei „heilige Pflicht“, sich in den Dienst der neuen Zeit zu stellen. Zugleich entstand der neue Dorfplatz.

    Band I · Kapitel 8

    Vorsitzender Georg Bauerfeind gab die Erklärung in Anwesenheit von Pfarrer Dünner und Rektor Weißenfels ab. Beim Dorfplatz an der Gastwirtschaft Huth ging die Vereinswelt eigene Wege: Mit Zustimmung Bürgermeister Alefs versetzten 13 Mitglieder des Katholischen Arbeitervereins vom 24. Mai bis 1. Juni 1933 das Kreuz vor der Wirtschaft Wahlen auf den Platz. Die Urkunde im Sockel nennt Papst Pius XI., Hindenburg und Pfarrer Dünner, Hitler aber nicht. Bald diente der Platz als Sammelplatz für Propagandaveranstaltungen; spätestens im Oktober 1935 hieß er „Schlageterplatz“ (belegt bis 1944). Nach Kriegsende hieß er wieder „Am Waasem“.

  5. 1933

    Berufsverbot für Professor Hans Karl Rosenberg

    1933 verlor der Friesdorfer Professor Hans Karl Rosenberg, nach NS-Diktion „Halbjude“ und politisch im Zentrum engagiert, sein Amt an der Bonner Pädagogischen Akademie.

    Band I · Kapitel 8

    Rosenberg wohnte an der Hochkreuzallee 165 und war vor 1933 als öffentlicher NS-Kritiker bekannt; 1932 sprach er als Festredner bei der 25-Jahr-Feier der Friesdorfer KAB. Nach seiner Zwangsbeurlaubung (nach Moll am 5. Mai 1933, nach anderen Angaben im April) wurde er zurückgestuft und in den Ruhestand versetzt. Unter Pseudonym schrieb er für die Kirchenzeitung. Seit 1935 gehörte er dem Kirchenvorstand von St. Servatius an; ab November 1938 erschien er dort nicht mehr. 1939 zog die Familie nach Bad Godesberg, am 17. April 1942 starb er. Sein wiederkehrender Satz: „Was muß man noch alles tun, um ein guter Deutscher zu sein?“

  6. Juli 1933

    Heinrich Peters wird Ortsgruppenführer für Friesdorf

    Im Juli 1933 wurde Heinrich Peters, Gutsbesitzer vom Klufterhof, als Ortsgruppenführer der neu entstandenen NSDAP-Ortsgruppe Friesdorf bekanntgegeben.

    Band I · Kapitel 8

    Peters, früher Kapitän der Handelsmarine, war seit 1. November 1929 Parteimitglied. Sein Bruder Theodor Peters vom Klufterhof war von Oktober 1933 bis März 1941 Kreisbauernführer, Vorsitzender des Kriegervereins und 1936/37 Stadtrat. Peter Kläser sen., Landarbeiter auf dem Klufterhof, saß ab 1933 für die NSDAP in der Gemeindevertretung. Die Ortsgruppe gliederte sich in Zellen und Blöcke; ein Block umfasste 40 bis 60 Haushalte, oft nur ein paar Häuser einer Straße. Der Blockleiter führte eine Kartei über „seine“ Haushalte und sollte Verbreiter „schädigender Gerüchte“ melden. Ende 1934 wurde Peters Amtsbürgermeister von Villip.

    Die NS-Ämter in Bad Godesberg und Friesdorf 1933–1945.
    Die NS-Ämter in Bad Godesberg und Friesdorf 1933–1945. Grafik: Friesdorf-Verlag 2026
  7. Juni–Okt. 1933

    Gleichschaltung der Friesdorfer Vereine

    Zwischen Juni und Oktober 1933 gerieten die Friesdorfer Vereine unter Druck: Jugendvereine wurden vorübergehend aufgelöst, Vorstände nach dem „Führerprinzip“ neu besetzt.

    Band I · Kapitel 8

    Am 5. Juli 1933 meldete der General-Anzeiger, die katholischen Jugend- und Jungmännervereine von Godesberg, Friesdorf, Plittersdorf und Mehlem seien aufgelöst und ihre Heime geschlossen; das Verbot hatte zunächst keinen Bestand. Im Juni 1933 trat der Vorstand des Ballspielvereins 09 nach den Richtlinien des Reichssportkommissars zurück. Am 15. Oktober 1933 wurde die Sterbenotgemeinschaft Friesdorf mit 880 Mitgliedern gleichgeschaltet; im Auftrag der Ortsgruppenleitung sprach Kreisbauernführer Theodor Peters. Die Deutsche Arbeitsfront unterhielt ab Mai 1933 eine Ortszelle in Friesdorf. Die DJK Concordia Friesdorf wurde 1935 verboten und aufgelöst.

  8. 14. Sept. und 5. Okt. 1933

    Steinwürfe auf das Pfarrhaus von St. Servatius

    In zwei nächtlichen Überfällen wurde das Pfarrhaus von Pfarrer Wilhelm Dünner angegriffen; beim zweiten flogen rund 80 Halbziegelsteine gegen die Fenster.

    Band I · Kapitel 8

    Anlass war die Versetzung von Kaplan Hubert Scheidt, der nach einer Erklärung Alefs schon zwei Jahre NSDAP-Mitglied war. Am 14. September 1933 forderte ein Sprechchor Dünners Weggang; Bürgermeister Alef bat ihn, die Nacht außerhalb zu verbringen, weil er für seine Sicherheit nicht bürgen könne. Am 5. Oktober zertrümmerten Steine auch das Herz-Jesu-Bild am Eingang. Am 8. Oktober sagte Dünner in der Messe, er könne „nicht mehr schweigen“; die fünf katholischen Standesvereine verlangten von Alef die Verfolgung der Täter. Weil sein Leben bedroht schien, lebte Dünner bis 8. Januar 1934 in Köln. Nach Schwalb verzichtete er testamentarisch auf eine Strafverfolgung; nach dem Krieg kam es nie zu einer Anklage.

  9. Jan.–März 1934

    Hitlerjugend gegen katholische Jugend

    Zwischen dem 14. Januar und dem 3. März 1934 zählte der Godesberger Pfarrjugendführer Aloys Seul zehn Übergriffe der HJ auf die katholische Jugend; danach wurde ihr jede öffentliche Betätigung untersagt.

    Band I · Kapitel 8

    Die Übergriffe reichten vom Abreißen des Kreuzes am Revers bis zum Verprügeln einzelner Jungen nach Heimabenden, vornehmlich am Klufterhof. Dem Friesdorfer Toni Goi bot man eine Stelle bei der Post nur an, wenn er „das blaue Hemd“ aus- und „das braune“ anziehe; er verzichtete. Schon zum Christkönigsfest 1933 oder 1934 hatte ein HJ-Fähnlein die Friesdorfer Sturmschar, die „Turmhausfalken“, überfallen; ihr Banner konnten sie am nächsten Morgen auf dem Bürgermeisteramt abholen. Keiner vom harten Kern der 15 Friesdorfer Sturmschärler trat zur HJ über. Die katholische Jugend der Umgebung traf sich fortan im Verborgenen, etwa auf Schloss Drachenburg oder im Aloisius-Kolleg.

  10. 22. Mai 1934

    Rektor Weißenfels wird zum Lehrer degradiert

    Am 22. Mai 1934 versetzte der preußische Kultusminister den Friesdorfer Rektor Joseph Weißenfels auf Grund des Berufsbeamtengesetzes in das Amt eines einfachen Volksschullehrers.

    Band I · Kapitel 8

    Wirksam wurde die Degradierung am 1. Mai 1935: Weißenfels musste als einfacher Lehrer an der Schule weiterarbeiten, die er bisher geleitet hatte. Er war Zentrumsmitglied, trat aus dem umbenannten „Stahlhelm“ aus, arbeitete mit den Ortsgeistlichen zusammen und hielt seine drei Kinder von Funktionen in HJ und BdM fern. Der NSDAP gehörte er nicht an. Das Bild hat Brüche: Beim Martinsfest 1933 sprach er von der „vom Führer Adolf Hitler erstrebten Volksgemeinschaft“. Auch Rektor Heinrich Schieffer von der Burgschule wurde 1934 zurückversetzt. 1945 wurde Weißenfels Schulrat des Kreises Köln-Land.

  11. 9. Mai 1936

    Hochverratsprozess gegen Friesdorfer Kommunisten

    Am 9. Mai 1936 verurteilte der V. Strafsenat des Oberlandesgerichts Hamm in Bonn 71 von 74 Angeklagten, darunter Friesdorfer Kommunisten um Matthias Kraus und Ferdinand Latz.

    Band I · Kapitel 8

    Die Friesdorfer KPD-Basis hatte sich im Untergrund neu formiert. Fahrer der Kölner Auermühle brachten mit dem Mehl für die Bäcker Zeitungen an die Arbeitsstelle von Matthias Kraus; Ferdi Latz verteilte sie in Godesberg. Nach der Festnahme eines Kölner Kuriers im Juni 1935 folgten rund 150 Festnahmen im Bonner Raum. Kraus erhielt vier Jahre Zuchthaus, Latz sechs, Franz Rehfeld zweieinhalb, der in Friesdorf geborene Servatius Güssgen anderthalb Jahre. Franz Pick saß 1935 sechs Monate in Schutzhaft. Kraus kam nach Schwalb 1943 in die Bewährungseinheit 999 und blieb nach seinem letzten Brief von der Insel Kos verschollen.

  12. 3. Febr. 1937

    Friesdorfer Ortsausschuss wird aufgelöst

    Am 3. Februar 1937 löste Zellenleiter P. Kläser im Auftrag von Ortsgruppenleiter Johann Füssenich den Friesdorfer Ortsausschuss auf, den Zusammenschluss der Ortsvereine.

    Band I · Kapitel 8

    Anfang 1935 waren die Ortsgruppen Plittersdorf und Friesdorf zur Ortsgruppe Godesberg-Nord zusammengelegt worden; bei dem Festakt im Ännchensaal, über den der General-Anzeiger am 11. März 1935 berichtete, verabschiedete sich Heinrich Peters von seiner Ortsgruppe. Leiter wurde Johann Füssenich, seit 1932 NSDAP-Mitglied. Bis 1938 hatte Friesdorf keine eigene Ortsgruppe. Der Ortsausschuss hatte im Dezember 1933 noch die gemeinsame „deutsche Weihnacht“ der Vereine ausgerichtet, angeregt von Kreisbauernführer Theodor Peters. Ob der „Zellenleiter P. Kläser“ Peter Kläser sen. oder sein gleichnamiger Sohn war, lässt sich nicht entscheiden.

  13. Febr. 1938

    Gestapo löst den Jungmännerverein auf

    Im Februar 1938 löste die Gestapo den katholischen Jungmännerverein Friesdorf auf und beschlagnahmte die geweihte Kirchenfahne, Möbel und die Kasse mit 3,13 Mark.

    Band I · Kapitel 8

    Der Verein zählte nur noch wenige Mitglieder. Schon am 4. Juni 1936 hatte die Schulchronik vermerkt, sämtliche Jungen und Mädchen über zehn Jahre seien „in der Hitlerjugend“. Im August 1938 nahm die Heeresstandortverwaltung den Saal des katholischen Vereinshauses in Anspruch; die Schule verlor damit ihren Turnsaal. Am 18. April 1939 notierte die Chronik: „Statt der kath. Volksschule gibt es nur noch die deutsche Schule.“ Aus der katholischen Volksschule war damit eine staatliche „deutsche Schule“ geworden.

  14. Okt. 1938

    Eigene Ortsgruppe Bad Godesberg-Friesdorf unter Schwarz

    Bei der Neueinteilung der Godesberger Ortsgruppen im Oktober 1938 erhielt Friesdorf wieder eine eigene NSDAP-Ortsgruppe; Leiter wurde der städtische Kassenbeamte Heinrich Josef „Heinz“ Schwarz.

    Band I · Kapitel 8

    In den Erinnerungen der Zeitzeugen erscheint er als „Franz Schwarz“. Der Ortsgruppe unterstanden 1939 die Zellen 6 bis 8; ihre Geschäftsstelle lag 1939/40 in der Bonner Straße 43. Im Februar 1939 hielten die drei Zellen einen gemeinsamen Zellenabend im Lokal Franz Heubach an der Annaberger Straße ab. Für Friesdorf ist Schwarz sicher bis Juli 1942 belegt, im September 1944 amtierte er als Ortsgruppenleiter. Laut Schwalb hatte er im Krieg in mehr als 100 Friesdorfer Familien die Nachricht vom „Heldentod des Sohnes oder Vaters“ zu überbringen. Die NS-Volkswohlfahrt der Ortsgruppe leitete von 1940 bis März 1945 Stadtsekretär Peter Schneider.

  15. Nov. 1938

    Jüdische Familien: Verfolgung, Festnahme, Flucht

    Beim Novemberpogrom 1938 wurde der Arzt Dr. Arthur Samuel festgenommen, der mit seiner Familie erst am 5. Oktober 1938 nach Friesdorf gezogen war.

    Band I · Kapitel 8

    Samuel, zehn Jahre lang Vorsitzender der Synagogengemeinde Bonn, hatte 1938 seine Bonner Praxis aufgeben und sein Haus verkaufen müssen. Als Vorsitzender kam er frei, weil er die Angelegenheiten der Gemeinde weiter regeln sollte. Einige Monate später gelang der Familie nach seiner erneuten Verhaftung die Flucht über die Niederlande in die USA. Der in Friesdorf geborene Metzgermeister Otto Jülich war schon im Januar 1938 in die USA emigriert, nachdem Boykott und Zuteilungssperren ihn zur Geschäftsaufgabe gezwungen hatten. Der jüdische Arzt Dr. Weck von der Annaberger Straße 169 musste nach dem Berufsverbot Friesdorf verlassen.

  16. Juli 1940

    Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter im Dorf

    Im Juli 1940 mietete der Ortsbauernverband den Saal des katholischen Vereinshauses für 30 polnische Kriegsgefangene. Ausländische Arbeitskräfte arbeiteten fortan auf Höfen und in Betrieben Friesdorfs.

    Band I · Kapitel 8

    Nach den Listen der Landkrankenkasse arbeiteten sie auch bei den NS-Funktionären selbst: vier bei Kreisbauernführer Theodor Peters auf dem Klufterhof, drei bei Peter Hermanns, zwei beim Ortsbauernführer Ernst Klein. Peters mahnte im Februar 1941, „die Polen nicht wie Familienangehörige zu behandeln“. Auf dem Gelände des Godesia-Werks bestand ein Lager für etwa 30 italienische Kriegsgefangene. Der polnische Landarbeiter Jan Deplewski, In der Kumme 1, kam 1941 und 1943 in Gestapo-Haft; zuletzt wurde er „wegen Arbeitswiderwilligkeit und tätl. Angriffs gegen den Bauer“ festgenommen und in ein Arbeitserziehungslager gebracht. Er überlebte.

  17. Nacht zum 6. April 1942

    Erste schwere Bomben: Schäden an der Arndtruhe

    In der Nacht zum 6. April 1942 fielen drei Sprengbomben, darunter eine Luftmine, auf Friesdorf. Mehrere Häuser an der Arndtruhe wurden stark beschädigt, 80 Menschen obdachlos.

    Band I · Kapitel 8

    Nach der Schulchronik gingen 20 Schaufenster zu Bruch, viele Dächer wurden abgedeckt; Menschen kamen nicht ums Leben. 80 Obdachlose entsprachen etwa zwei Prozent der Einwohnerschaft. Schon in der Nacht zum 6. August 1941 hatte der Luftschutz für Godesberg-Friesdorf drei Sprengbomben und einige Brandbomben mit großem Sachschaden in einer Fabrik gemeldet; im Herbst 1941 fielen nach der Schulchronik die ersten Bomben, „ohne großen Schaden zu hinterlassen“. Im Winter 1942 musste die Schule Koks sparen: Zehn Klassen wurden in sechs Räumen unterrichtet, vom 16. Februar bis 3. März gab es Kohleferien.

  18. 15. Juni 1942

    Deportation von Ella Maria Michaelis und Henriette Heumann

    Am 15. Juni 1942 wurde Ella Maria Michaelis aus der Kumme in das Vernichtungslager Sobibor deportiert, am selben Tag die in Friesdorf geborene Henriette Heumann ab Köln nach Theresienstadt.

    Band I · Kapitel 8

    Für Ella Maria Michaelis, 1880 in Köln geboren, ist kein Todesdatum überliefert; vor dem Haus In der Kumme 119 erinnert ein Stolperstein an sie. Henriette Heumann, 1861 in Friesdorf geboren und zuletzt in Bonn und Beuel wohnhaft, starb am 5. Juli 1942 in Theresienstadt. Die in Friesdorf geborene Carolina Wolkenaer geb. Leib wurde am 28. Oktober 1943 ab Köln deportiert und starb am 23. Januar 1944 in Theresienstadt. Eine „Jüdin Frau Fischer von der Annaberger Straße 47“ nahm sich nach Schwalb das Leben, bevor sie von Bonn abtransportiert werden sollte, vermutlich 1941 oder 1942.

  19. Nacht zum 17. April 1943

    Luftmine auf die Klufterstraße: 26 Tote

    In der Nacht zum 17. April 1943 warf ein einzelnes Flugzeug der RAF eine Luftmine auf die Klufterstraße. 26 Menschen starben, darunter vier Schüler der Friesdorfer Volksschule.

    Band I · Kapitel 8

    Die Lancaster W4783 „G-George“ kehrte vom Angriff auf die Škoda-Werke in Pilsen zurück und entledigte sich ihrer Last – nach dem Logbuch „vermutlich über Koblenz“. Die 1,8 Tonnen schwere Mine wurde nicht gezielt auf Friesdorf abgeworfen. Besonders getroffen wurden die Familien Fandel, Wiesel, Krieger und Poppelreuter; die Mine zerstörte unter anderem das Haus der Gaststätte Nothbaum. Die Feuerwehr war mit 77 Helfern im Einsatz, Matthias Kraus half bei der Bergung Verwundeter. Bürgermeister Alef erklärte im Nachruf der Stadt, die Toten seien „im Kampf für Deutschlands Freiheit“ gestorben.

    Titelbild des Hefts „Der Bombenkrieg über Friesdorf 1941–1945“.
    Titelbild des Hefts „Der Bombenkrieg über Friesdorf 1941–1945“. Friesdorf-Verlag
  20. 1943/44

    Luftschutz: Stollen, Bierkeller und Splittergräben

    Nach dem Angriff auf die Klufterstraße verstärkten die Friesdorfer 1943 ihre Keller, trieben Stollen in den Berg und richteten ehemalige Bierkeller als Luftschutzräume her.

    Band I · Kapitel 8

    Nach der Schulchronik wurde an der Arndtruhe ein ehemaliger Bierkeller als Luftschutzstollen hergerichtet, ebenso einer im Oberdorf; auch der Felsenkeller der Brauerei im Klufterbachtal diente im Krieg den umliegenden Anwohnern als Luftschutzbunker. Auf dem Schulhof und auf dem Schlageterplatz entstanden drei Meter tiefe Splittergräben mit Betondecke; die Gräben am Schlageterplatz stellten 1944 holländische Fremdarbeiter fertig. Wegen der Tagesangriffe mussten die Kinder oft stundenlang in den Luftschutzkeller. Im Herbst 1944 wurde der Unterricht nicht wieder aufgenommen: Die Luftangriffe ließen „einen geordneten Unterricht nicht mehr zu“.

  21. 5. Dez. 1943

    Tod des Anstaltspatienten Hubert Stoßdorf

    Am 5. Dezember 1943 starb der siebzehnjährige Friesdorfer Hubert Stoßdorf in der Alexianer-Anstalt Mönchengladbach – als Anstaltspatient in der Zeit der nationalsozialistischen Krankenmorde.

    Band I · Kapitel 8

    Hubert Stoßdorf, 1926 in Friesdorf geboren, litt an tuberöser Sklerose mit epileptischen Anfällen. Ab 1938 lebte er im Franz-Sales-Haus in Essen, aus dem in diesen Jahren Hunderte Bewohner verlegt und viele getötet wurden, ab August 1942 in Mönchengladbach. Als Todesursache wurden „nach offiziellen Angaben“ tuberöse Sklerose, epileptische Anfälle und Bauchfellentzündung angegeben. Ob sein Tod herbeigeführt wurde, lässt sich ohne Krankenakte nicht klären. Ein Opfer der „Aktion T4“ war er nicht; er gehört zu den Opfern der NS-Verfolgung kranker und behinderter Menschen. Seit 2023 erinnert ein Stolperstein am Frankengraben 40 an ihn.

  22. 22. Aug. 1944

    „Aktion Gewitter“: Verhaftungen in Friesdorf

    Am 22. August 1944 verhaftete die Gestapo in der „Aktion Gewitter“ auch in Friesdorf frühere Mandatsträger und Funktionäre, darunter den Lehrer und früheren Zentrumsvorsitzenden Joseph Roth.

    Band I · Kapitel 8

    Mit Roth wurden der KAB-Vorsitzende Johann Schwalb und das frühere SPD-Mitglied Caspar Emsbach festgenommen; Schwalb kam wegen eines Nierenleidens nach drei Tagen frei. Josef Berg hatte Roth um Mitternacht gewarnt; eine Flucht hätte Sippenhaft bedeuten können. Nach dem Bericht Wilhelm Roths soll Ortsgruppenleiter Schwarz an der Liste beteiligt gewesen sein; ein Schreiben von 1948 nennt dafür allein eine Besprechung mit Alef. Schwarz bestritt die Vorwürfe, mehrere Zeugen entlasteten ihn. Roth kam über das Bonner Gestapohaus und das Kölner Messegelände am 16. September 1944 nach Buchenwald (Häftlingsnummer 81555). Sein zwölfjähriger Sohn Wilhelm wurde in Köln eingesperrt und verhört.

  23. 21. Dez. 1944

    Bomben zerstören die Pfarrkirche St. Servatius

    Am Abend des 21. Dezember 1944 wurde die Pfarrkirche St. Servatius zerstört; nur der Turm blieb stehen. In den Trümmern starb der Küster, Organist und Chorleiter Johannes Schmitt.

    Band I · Kapitel 8

    Schmitt war in der Kirche mit den Vorbereitungen für das Weihnachtsfest beschäftigt. Am Abend dieses Tages griff die Royal Air Force mit 97 Lancaster-Bombern und 17 Mosquitos die Bahnanlagen in Bonn an; wegen geschlossener Wolkendecke fielen die Bomben ungezielt. Beim selben Angriff wurden das Turmhaus und das Haus der Gaststätte Stuch schwer beschädigt. Die Gemeinde feierte die Gottesdienste zunächst in der Hauskapelle des Paula-Maria-Stifts, danach in einer Notkirche im Tanzsaal der Gaststätte Jakob Huth. Die wiederaufgebaute Kirche wurde am 22. Dezember 1950 eingesegnet.

    Die zerstörte Pfarrkirche St. Servatius im alliierten Aufklärungsluftbild vom 13. Februar 1945 (Ausschnitt).
    Die zerstörte Pfarrkirche St. Servatius im alliierten Aufklärungsluftbild vom 13. Februar 1945 (Ausschnitt). Alliiertes Luftbild · Auswertung Friesdorf-Verlag
  24. 22. Jan. 1945

    Tod von Joseph Roth nach der KZ-Haft

    Am 22. Januar 1945 starb Joseph Roth in Friesdorf, knapp drei Monate nach seiner Entlassung aus dem KZ Buchenwald. Er wurde 48 Jahre alt.

    Band I · Kapitel 8

    Roth war Ende Oktober 1944 nach der Familienüberlieferung von 110 auf 48 Kilogramm abgemagert heimgekehrt, „gebrochen an Leib und Seele“. Den Volkssturmdienst musste er nach drei Tagen aufgeben. Am 27. Januar 1945 durfte er nur frühmorgens in aller Stille auf dem Friesdorfer Friedhof beigesetzt werden; Nachbarkinder zogen den Sarg auf einem Doppelschlitten. Der Totenzettel durfte die Wahrheit nicht nennen: Er sprach von einem Tod „infolge seiner bei den letzten Fliegerangriffen stark erschütterten Gesundheit“. Heute erinnern die Joseph-Roth-Straße, ein Ehrengrab und zwei Stolpersteine an ihn.

  25. 6.–8. März 1945

    Alef flieht, Bad Godesberg wird kampflos übergeben

    Bürgermeister Alef verließ die Stadt am 6. März 1945. Am frühen Morgen des 8. März besetzten amerikanische Truppen Bad Godesberg ohne Kampf.

    Band I · Kapitel 8

    Alef erklärte den Bürovorstehern, es sei „nicht Feigheit, sondern Selbsterhaltungstrieb“, und übergab die Geschäfte formlos an Stadtrat Heinrich Ditz. Die Übergabe kam unter Beteiligung von Kampfkommandant Generalleutnant Richard Schimpf, Ditz und dem Schweizer Konsul v. Weiß zustande; Schimpf ergab sich Oberstleutnant Frank L. Gunn. Von der Partei war in diesen Tagen niemand mehr zu sehen. In Friesdorf bezog am 8. März ein deutsches Geschütz mit sechs Granaten am Schlageterplatz Stellung; mit drei Flaschen Wein bewegte die Bevölkerung die Geschützbedienung zum Abzug.

  26. 9. März 1945

    Amerikaner in Friesdorf, Ditz wird Bürgermeister

    Nach den amerikanischen Gefechtsberichten besetzte am 9. März 1945 eine Kompanie der 7th Armored Division Friesdorf ohne Widerstand. Als Bürgermeister setzten die Amerikaner Heinrich Ditz ein.

    Band I · Kapitel 8

    Die B-Kompanie des 48th Armored Infantry Battalion rückte von Ippendorf aus vor, „met no opposition and took Friesdorf“. Nach der Lokalüberlieferung standen amerikanische Panzer schon am 8. März beim Klufterhof; wahrscheinlich wurde der südliche Teil des Ortes am 8., der übrige am 9. März erreicht. Ditz, schon am 8. März vom Stadtkommandanten Captain Carrier ernannt, war bis 1933 Bürgermeister des Amtes Bornheim gewesen; die Nationalsozialisten hatten ihn im Mai 1933 abgesetzt. Die Militärregierung verhängte eine Ausgangssperre. Unter den Zwangsarbeitern grassierte Fleckfieber. Der Deserteur Fritz Sieger konnte sich wieder frei bewegen.

    Friesdorf im Luftbild von 1945.
    Friesdorf im Luftbild von 1945. Archiv A. Giersberg

Band I · Kapitel 9 · 11 Stationen

Bonner Republik 1945–1999

Friesdorf in der Nachkriegszeit und in der Bonner Republik

  1. 1. Mai 1945

    Notkirche im Tanzsaal der Gaststätte Huth

    Die Pfarrkirche liegt in Trümmern; ab dem 1. Mai 1945 feiert die Gemeinde ihre Gottesdienste in einer Notkirche im Tanzsaal der Gaststätte Jakob Huth am Waasem.

    Band I · Kapitel 9

    Zuvor diente die Hauskapelle des Paula-Maria-Stifts. Der Pachtvertrag über 200 Reichsmark im Monat galt zehn Jahre oder bis zur Fertigstellung einer neuen Kirche und schloss jeden Wirtschaftsbetrieb im Haus aus. Pfarrer Josef Kelzenberg führte die Pfarre durch die ersten Entbehrungsjahre. Weil auch alle anderen Friesdorfer Säle zerstört waren, ließ die Stadt Bad Godesberg 1948/49 an der Margaretenstraße die Baracke „Margaretenhof“ als Provisorium aufstellen.

  2. 1944/1948

    Bomben, Auszug, Wiederaufbau

    Am 21. Dezember 1944 treffen Bomben Friesdorf; der Turmhof wird so beschädigt, dass die Mieter ausziehen müssen. 1948 wird er wieder aufgebaut – mit einem Pyramidendach.

    Band II · Kapitel 12

    Das Mansarddach aus dem 19. Jahrhundert war zerstört. Dass das Haus gerettet wurde, ist dem Landschaftsverband Rheinland, der Stadt Bad Godesberg und dem damaligen Eigentümer zu verdanken; er drängte auf den Wiederaufbau, weil so drei Familien wieder eine Wohnung erhalten konnten. Das Amt des Landeskonservators und die Friesdorfer Baufirma Noisten und Walbröhl stellten den Bau wieder her. Heute ist das Turmhaus ein denkmalgerecht saniertes Privatwohnhaus und Hauptmotiv des Ortswappens.

  3. 10. Mai 1949

    Bonn wird vorläufige Bundeshauptstadt

    Der Parlamentarische Rat entscheidet in der Pädagogischen Akademie, keine 2 km von der Friesdorfer Gemarkungsgrenze, Bonn zur vorläufigen Bundeshauptstadt zu machen.

    Band I · Kapitel 9

    Friesdorf lag in der „Enklave Bonn“, in der Bundesregierung, Bundestag, Bundesministerien und die Alliierte Hohe Kommission ihren Sitz nahmen. Für den Ortsteil, der 1948 knapp 4.000 Einwohner zählte, war das binnen Monaten spürbar: Die Landstraße zwischen Bonn und Bad Godesberg, die spätere B 9, wurde zur Hauptachse zwischen Bundeshaus und Petersberg. Der Volksmund nannte sie „Diplomaten-Rennbahn“.

  4. Februar 1950

    Die „Französische Siedlung“ am Klufterhof

    Im Februar 1950 beginnt der Bau der Siedlung Klufterhof, des ersten Abschnitts im „Wohnungsbauprogramm Hohe Kommission“; Ende Juli 1950 sind 130 Wohnungen fertig.

    Band I · Kapitel 9

    Gebaut wurde zwischen Hochkreuzallee, Klufterstraße, In der Maar und In der Kumme. Die Rohbauten standen nach dreißig Tagen, am 27. April 1950 wurde Richtfest gefeiert. Weil die Amerikaner verzichteten, wurde die Siedlung an Angehörige der britischen und französischen Besatzungsmacht vergeben; im September 1950 erhielten die englischen Kinder dort eine fünfklassige Schule. In Friesdorf heißt sie „Französische Siedlung“; mit dem Einzug der Franzosen wurde das Hotel Drachenfels in Mehlem frei.

    Die »Französische Siedlung« kurz nach ihrer Fertigstellung im Juli 1950.
    Die »Französische Siedlung« kurz nach ihrer Fertigstellung im Juli 1950. Archiv Andreas H. Giersberg
  5. 22. Dezember 1950

    Wiederaufgebaute Pfarrkirche St. Servatius eingesegnet

    Sechs Jahre nach der Zerstörung segnet Pfarrer Josef Kelzenberg die wiederaufgebaute Pfarrkirche ein und feiert abends das erste Hochamt.

    Band I · Kapitel 9

    Nach dem ersten Spatenstich am 11. September 1949 legte Domkapitular Prälat Dr. Wilhelm Corsten am 30. Oktober 1949 den Grundstein; die Pläne stammten vom Kölner Baurat Otto Bongartz. Der Neubau nahm die Fluchten der neugotischen Hallenkirche auf, wurde aber nach Westen erweitert, weil die Gemeinde durch den Zuzug Heimatvertriebener stark gewachsen war. Die barocke Servatius-Statue kehrte zurück. Die Konsekration vollzog Weihbischof Joseph Ferche am 16. November 1952.

  6. 1960

    Evangelische Pauluskirche eingeweiht

    An der Straße In der Maar wird die evangelische Pauluskirche eingeweiht, ein Entwurf des Krefelder Architekten Ernst Fohrer.

    Band II · Kapitel 16

    Gegenüber steht das 1937 erbaute Maarhaus, der erste evangelische Versammlungsort Friesdorfs. Nach dem Krieg wuchs die Gemeinde durch Vertriebene und durch zuziehende Bundesbeamte. Der kubische Klinkerbau mit freistehendem hellem Turm erhielt 1966 eine Orgel der Göttinger Werkstatt Paul Ott und 1985 Fenster von Reimund Franke. 2003 schloss sich die Paulus-Kirchengemeinde mit der Christus-Kirchengemeinde Plittersdorf zur Thomas-Kirchengemeinde zusammen.

  7. 1961

    Vom Waasem zum Klufterplatz

    Die alte Gastwirtschaft Huth wird samt Saal abgebrochen; der Dorfplatz am Waasem erhält Brunnen, Bäume und den Namen „Klufterplatz“.

    Band I · Kapitel 9

    Seit 1950 hieß der Platz „Joseph-Roth-Platz“. Viele Friesdorfer freundeten sich mit dem Namen nicht an; nach einer Bitte des Ortsausschusses hob der Stadtrat ihn 1956 wieder auf. An Huths Stelle entstand ein Wohn- und Geschäftshaus mit der neuen Gastwirtschaft Huth und dem INFAS-Institut. Der neue Platzname erinnert an den Klufterhof und die Klufterstraße; einer der beiden Brunnen wurde nach dem Stadtverordneten Wilhelm Windeck benannt.

    Die alte Gaststätte Huth am 2. Juni 1961.
    Die alte Gaststätte Huth am 2. Juni 1961. Foto: Andreas Giersberg
  8. 1969–1975

    Kreuzbauten für die Bundesministerien

    An der heutigen Heinemannstraße entstehen zwei kreuzförmige Hochhäuser – die ersten Neubauten, die in Bonn eigens für Bundesministerien errichtet wurden.

    Band I · Kapitel 9

    Der Masterplan des Architekten Joachim Schürmann sah sieben solcher „Kreuzbauten“ für sämtliche Bundesministerien vor; gebaut wurden nach Entwurf der Planungsgruppe Stieldorf nur zwei, mit fünfzehn und dreizehn Stockwerken. Sie behielten auch nach 1999 ihre ministerielle Nutzung, heute unter anderem für das Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt. 2004 wurde das Ensemble unter Denkmalschutz gestellt.

  9. 1. August 1969

    Friesdorf wird mit Bad Godesberg Teil Bonns

    Mit dem Bonn-Gesetz wird die Stadt Bad Godesberg, zu der Friesdorf seit 1904 gehört, Stadtbezirk der neuen kreisfreien Stadt Bonn.

    Band I · Kapitel 9

    Für Friesdorf war es die zweite Eingemeindung in 65 Jahren. Vorgesehen war der 1. Juli; der Verfassungsgerichtshof für das Land Nordrhein-Westfalen hatte den Vollzug jedoch für einen Monat ausgesetzt. Die Gemarkung Friesdorf besteht im Liegenschaftskataster bis heute. Im November 1969 (nach anderer Angabe am 29. Oktober) schloss sich der Friesdorfer Spar- und Darlehnskassenverein mit der Spar- und Kreditbank Mehlem zur Bad Godesberger Kreditbank zusammen.

  10. 15. August 1981

    Indische Karmeliter übernehmen St. Servatius

    Der Erzbischof ernennt Pater Jacob Thanniyil CMI zum Pfarrverweser. Friesdorf wird die erste Pfarrei in Deutschland, die dem Orden Carmelites of Mary Immaculate anvertraut ist.

    Band II · Kapitel 16

    Die Ordensgemeinschaft der syro-malabarischen Kirche war 1831 in Kerala gegründet worden; seit 1957 studierten CMI-Patres in Bonn. 1983 schlossen Erzbistum und Orden den Vertrag, 1984 wurde die Pfarre förmlich übertragen; über fünfundzwanzig Jahre galt Bonn-Friesdorf als deutsche Zentrale des Ordens. Zum 1. Januar 2009 ging die Pfarrei in der Kirchengemeinde St. Marien und St. Servatius auf. Am Silvesterabend 2010 feierten die indischen Priester ihre letzte Messe in St. Servatius.

  11. 1957/1981

    Das Original zieht ins Museum

    Im Oktober 1981 wird das originale Hochkreuz im Rheinischen Landesmuseum Bonn wieder aufgebaut. Am Straßenrand steht seither eine maßstabsgetreue Nachbildung.

    Band II · Kapitel 13

    Für den Ausbau der Bundesstraße 9 war das Kreuz 1956/57 aus der Mitte der alten Wegekreuzung versetzt worden; bis dahin hatte es auf Friesdorfer Gemarkung gestanden. Erschütterungen durch Lastzüge und Straßenbahnen und die Luftverschmutzung setzten dem Stein zu, 1978 drohten Teile herabzustürzen. Ab August 1979 wurde das Kreuz zerlegt und in Kölner Werkstätten restauriert. Die Nachbildung steht an der Godesberger Allee 97.

Band I · Kapitel 10 · 4 Stationen

Berliner Republik seit 1999

Friesdorf in der Berliner Republik

  1. 6. September 1999

    Regierungsumzug: Ende der Bonner Republik

    Der Bundestag tagt erstmals im Berliner Reichstagsgebäude. Für Bonn und Friesdorf endet die Hauptstadtzeit; Bonn trägt seit dem Berlin/Bonn-Gesetz von 1994 den Titel „Bundesstadt“.

    Band I · Kapitel 10

    Den Umzug hatte der Bundestag am 20. Juni 1991 mit 338 zu 320 Stimmen beschlossen. In der Nachbarschaft löste sich die diplomatische Infrastruktur auf: Die USA gaben 1999 die HICOG-Siedlung Plittersdorf auf, die israelische Botschaft schloss. Die Kreuzbauten am nördlichen Ortsrand behielten ihre ministerielle Nutzung, wie es das Berlin/Bonn-Gesetz vorsah, das den „größten Teil der Arbeitsplätze der Bundesministerien“ in Bonn halten wollte.

  2. Juni 2004

    Friesdorf erhält ein Ortswappen

    Der Ortsausschuss Friesdorf führt das heutige Ortswappen ein: in Rot das goldene Turmhaus mit Torbogen, im Schildhaupt das Kurkölnische Kreuz.

    Band I · Kapitel 10

    Über einem grünen Dreiberg – Klufterberg, Annaberg und Kahlenberg – stehen das goldene Turmhaus und der angebaute goldene Torbogen; das silberne Schildhaupt trägt das schwarze Kurkölnische Kreuz. Die Idee stammte von Alfred Giersberg, dem damaligen Vorsitzenden des Ortsausschusses; entworfen und umgesetzt hat das Wappen der Grafikdesigner Wolfgang Klaile. Der 1929 gegründete Ortsausschuss ist seit 2010 ein eingetragener Verein.

    Das Friesdorfer Ortswappen von 2004.
    Das Friesdorfer Ortswappen von 2004. Ortsausschuss Friesdorf
  3. 2020–2022

    Pandemie: Die Kirmes fällt zweimal aus

    Die Covid-Pandemie legt Vereins- und Kirchenleben still; die Friesdorfer Kirmes fällt 2020 und 2021 aus und kehrt im Mai 2022 auf den Margaretenplatz zurück.

    Band I · Kapitel 10

    Die Kirmes, traditionell um das Patronatsfest des heiligen Servatius im Mai gefeiert, erlebte damit ihre erste längere Unterbrechung seit den Weltkriegs- und unmittelbaren Nachkriegsjahren. Auch der Karneval der KG Kleffbotze ruhte; der Männerchor setzte seine Proben aus und sang später bei „Fensterkonzerten“ unter freiem Himmel. Das Bonner Impfzentrum entstand im World Conference Center im nahen Bundesviertel.

  4. Herbst 2022

    Römische Fußbodenheizung unter der Pfarrer-Merck-Straße

    Bei Leitungsarbeiten an der Pfarrer-Merck-Straße kommt ein fast vollständig erhaltener römischer Saal mit Apsis und Fußbodenheizung zutage – nach Einschätzung der Ausgräberin ein einzigartiger Befund.

    Band I · Kapitel 1

    Unter dem 15 Zentimeter starken roten Estrich standen Pfeiler aus je 13 Ziegeln, 0,65 Meter hoch; die Pfeilerfläche maß 6 × 6,5 Meter. Eine Kamera befuhr den Hohlraum. Funde aus dem Hof, darunter eine Münze Kaiser Valentinians I. (364–375), zeigen, dass die Villa bis ins ausgehende 4. oder beginnende 5. Jahrhundert genutzt wurde. Nach der Dokumentation wurde der Hohlraum verfüllt; der Saal bleibt im Boden erhalten.

Die ganze Geschichte

Zwei Bände, zwei Jahrtausende

Jede Station dieses Zeitstrahls ist ein kurzer Auszug aus der zweibändigen Geschichte von Friesdorf: Band I erzählt die Epochen von den Römern bis heute, Band II führt in sechs Studien zu Klufterhof, Turmhaus, Hochkreuz, Brauerei mit Felsenkeller und Arndtruhe, Pützberg und den Friesdorfer Kirchen.

Zu den Büchern Bände vormerken

Buchcover: Geschichte von Friesdorf, Band I Buchcover: Geschichte von Friesdorf, Band II

So entstand dieser Zeitstrahl

Alle Angaben stammen aus den Kapiteln der beiden Bände und sind dort mit Quellen belegt. Wo das Buch vorsichtig formuliert, tut es auch der Zeitstrahl: Stationen mit dem Zusatz wahrscheinlich oder Deutung beruhen auf begründeten Schlüssen, nicht auf einer Urkunde. Sagen und unbelegte Überlieferungen sind nicht aufgenommen.

Urheberrecht und Nutzung

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